»Peter Schneider, wie wird eine Ehe schön?«

Erschienen 2018, Wörterseh-Verlag / Vorwort von Barbara Lukesch

Peter Schneider, wie wird eine Ehe schön? Gespräche über Partnerschaft und Liebe.

Peter Schneider kannte ich schon lange. Ich hatte etliche Interviews mit ihm geführt, beispielsweise über Gesundheitspolitik oder Elternglück. Als ich einmal über die Frage schreiben wollte, ob Abtreibungen betroffene Frauen unter Umständen unglücklich machen können, löste das Thema bei vielen Auskunftspersonen Widerstand aus. Sie wollten nicht Gefahr laufen, den Abtreibungsgegnern in die Hände zu spielen. Nicht so Peter Schneider. Er machte kein Aufheben um die brisante Fragestellung, sondern war bereit, Auskunft zu geben, wie immer unaufgeregt und unkompliziert.

Natürlich waren mir auch seine wöchentlichen Kolumnen im »Tages-Anzeiger« vertraut, die ich meistens mit Vergnügen lese. Dort beantwortet er Leserfragen zur »Philosophie des Alltagslebens«, die manchmal ziemlich anspruchsvoll sind, wie das folgende Beispiel zeigt: »Worin unterscheiden sich Ihrer Meinung nach Expats von Wirtschaftsflüchtlingen? Da die Willkommenskultur eine wesentlich andere ist, muss es ja einen Unterschied geben.« Peter Schneider gibt meistens interessante, oft auch überraschende Antworten, die den Leser und die Leserin zum Nachdenken anregen. Dazu ist er immer wieder frech und witzig.

Auf all diese Qualitäten war ich aus, als ich ihn fragte, ob er interessiert sei, mit mir für ein Buch Gespräche zu verschiedenen Aspekten von Partnerschaft und Liebe zu führen. Sein Ja kam prompt. Einziger Haken: er habe fast keine Zeit. Unter der Woche sei er von morgens bis abends in seiner Praxis als Psychoanalytiker beschäftigt; abends nehme er oft an Podiumsdiskussionen teil, halte Vorträge oder sei schlicht k.o. Dummerweise begann in jener Zeit auch noch sein neuer Lehrauftrag an der International Psychoanalytic University in Berlin, der ihn alle zwei Wochen vier Tage beanspruchte. Wir müssten uns am Samstag oder Sonntag treffen, stellte er klar. Anders gehe es nicht.

Ich willigte ein. Von nun an saßen wir uns meistens sonntags von 14 bis 16 Uhr in seinem Büro an der Bergstraße in Zürich gegenüber, wo er auch seine Praxis hat. Er kannte das jeweilige Thema – Kommunikation, Streit, Sex, Geld oder Hausarbeit –, wollte aber meine Fragen nicht im Voraus wissen. Ihm war lieber, die Antworten im Verlauf unserer Gespräche zu entwickeln – frei nach Kleist und seinem berühmten Aufsatz »über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«.

Schneider scherte sich beim Formulieren weder um die Struktur noch um die Übersichtlichkeit. Er redete einfach drauflos, immerhin auf Hochdeutsch, und vertraute darauf, dass ich den roten Faden knüpfen würde. Es war mein Job, aus den bis zu 80 000 Zeichen umfassenden Gesprächsprotokollen lesbare Interviews zu machen.

Je länger unsere Zusammenarbeit dauerte, um so problemloser wurde sie. Schneider ist pflegeleicht, freundlich, zuverlässig; seine Aussagen sind häufig inspirierend, oft unerwartet und weichen vielfach vom Mainstream ab. Sie lassen einen mit neuen Augen auf die eigene Ehe beziehungsweise Partnerschaft blicken – das ist aus meiner Sicht der eigentliche Wert dieses Buches.

Einmal mussten wir eine größere Klippe umschiffen. Ich kam wie immer um 14 Uhr und kreuzte einen gutgelaunten jungen Mann, der mit Schneider ein Interview für seine Bachelorarbeit geführt hatte. Als wir loslegten, merkte ich, dass er unkonzentriert war und seine Antworten – sorry – nahezu unbrauchbar. Ich bat ihn um mehr Präzision, auch um mehr Konkretheit, mit derart schwammigen Aussagen könne ich nichts anfangen. Wir verhedderten uns immer mehr, bis er mir – nicht ganz ernst gemeint – vorwarf, ich sei eifersüchtig auf den Studenten. Ich lachte ihn aus. Eifersucht, sagte ich ihm, spürte ich höchstens bei der Vorstellung, dass er dem jungen Mann – im Gegensatz zu mir – klare und verwertbare Antworten gegeben habe. Das half.

Richtig unangenehm war zu Beginn freilich etwas anderes: Peter Schneider ist ein schwerer Zigarrenraucher. Es braucht einiges, bis er so ein Ding ausdrückt. Wenn ich überhaupt keine Lust auf den Qualm und den Gestank hatte, sagte ich ihm kurzerhand, ich sei erkältet oder hätte Kopfweh. Manchmal stimmte es, manchmal auch nicht. Um ihm den Verzicht ein bisschen zu erleichtern, hatte ich jeweils ein paar Schoggistängeli, Guetsli oder ein Stück Kuchen dabei. Schnell hatte ich nämlich festgestellt, wie sehr er auf Süßes abfährt. Auf diese Art bekamen wir beider Bedürfnisse ganz gut auf die Reihe – ich durfte einfach die Süßigkeiten nicht vergessen. Als ich einmal nicht sofort meinen Rucksack öffnete, fragte er ganz betrübt: »Gibts heute nichts?«


Nachwort von Peter Schneider

Es gibt Ideologien, die einfach nicht totzukriegen sind. Etwa die, dass Ehen mit dem Übergang von der Zweck- zur Liebesheirat komplizierter geworden seien. Oder dass Genderisten, 68er und Historikerinnen einfach nicht wahrhaben wollten, dass in uns immer noch ein Steinzeithirn stecke, das für all den neumodischen Quatsch wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau eigentlich nicht gemacht sei. Es gebe nun einmal Bereiche (das Hirn, die Geschlechterverhältnisse), welche sich als reine Natur des Menschen dem Prozess der Evolution widersetzten. Solche Thesen finden wohl nur jene plausibel, die sie unablässig produzieren.

Klar, die Anforderungen der Liebe und die des globalen Kapitalismus passen nicht besonders gut zusammen. Jene verlangt Dauer und Nähe, dieser Innovation, Tempo und öfters auch Rücksichtslosigkeit. In einer solchen Welt fürchten Paare, sich bei Dingen gegenseitig im Weg zu stehen, die jeder für sich allein besser lösen könnte. Vielleicht erklärt dieser Blick auf das Leben die Mischung aus Gereiztheit und Nostalgie, die aufkommt, wenn von Paarbeziehungen die Rede ist: Viele streben sie an, fürchten aber gleichzeitig den Klotz am Bein.

Das klingt trist und ist es zuweilen auch. Man sollte sich das weder schönreden, noch in Pessimismus verfallen.

Deshalb dieses Buch. Es sollte ein Plädoyer für ein munteres Durchwurschteln durchs Leben als Paar werden. Denn das ist der einzige Rat, den man in diesen Dingen geben kann: Sich nicht einschüchtern lassen. Nicht von der furchtbaren Normativität, die an Paar- und Familien- und Kinderangelegenheiten kleibt wie ein Kaugummi; nicht von den sogenannten Grundwidersprüchen, die sich doch nicht auflösen lassen; nicht von überfordernden Utopien, aber erst recht nicht von nostalgischen Visionen einer Rückkehr zu besseren Zeiten.

Private Bastelei und politische und gesellschaftliche Veränderungen schließen sich nicht aus, sondern gehen Hand in Hand. Man muss experimentieren: privat und politisch. Der Kapitalismus vereinzelt die Menschen, indem er emotionale Bande zwischen ihnen zerschlägt? Schon wahr, aber wer die alten Bande restaurieren will, schafft keine kuscheligere Welt, sondern neue Ketten. Was passiert eigentlich Schlimmes, wenn Homosexuelle Kinder adoptieren können? Neue Verbindungen entstehen. Es ist sinnvoller, solche neuen Möglichkeiten zu begrüßen, als den alten Bindungen hinterher zu jammern. Von mir aus hätte dieses Buch oft auch aus einem einzigen Seufzer bestehen können: Ach, was weiß denn ich? Aber den hätte Barbara Lukesch mir nicht durchgehen lassen. Und nun haben Sie den Salat.

P.S.: Die Schoggi-Abgabe an Nikotinsüchtige ist auf Dauer auch keine Lösung, Frau Lukesch.

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© Barbara Lukesch