Bauernleben – Die unglaubliche Geschichte des Wisi Zgraggen

Erschienen 2016, Wörterseh-Verlag / Vorwort von Barbara Lukesch

Bauernleben. Die unglaubliche Geschichte des Wisi Zgraggen

Seitdem wir mehrere Monate pro Jahr in Gais im Kanton Appenzell Außerrhoden verbringen, in einer Wohnung mit Blick auf Wiesen, Kühe und Bauernhöfe, ist mein Interesse an der Landwirtschaft und dem bäuerlichen Leben stetig gewachsen. Zuweilen traten peinliche Wissenslücken zutage: Auf Wanderungen begegneten wir Tieren, bei denen wir nicht sicher waren, ob es sich um Stiere, Ochsen oder Rinder handelte. Unklar war ebenso, wie bedrohlich nun eigentlich Kühe sind, wenn man sich ihnen ungeschützt, ungeschickt und unsicher nähert. Seit einmal eine ganze Herde, angeführt von der Leitkuh, getrennt nur durch einen dünnen, hoffentlich elektrisch geladenen Zaun in rasendem Tempo hinter mir hergejagt war, hatte ich höllischen Respekt vor den großen Tieren – und war umso mehr daran interessiert, mir zusätzliches Wissen über sie anzueignen.

Mit der Zeit reifte die Idee, ein Buch zu schreiben, was mir die Gelegenheit verschaffen würde, einem Bauern über die Schulter zu schauen. Als ich Gabriella Baumann-von Arx, die Verlegerin des Wörterseh-Verlags, fragte, ob sie Interesse an einem solchen Buch hätte, kam ihre Reaktion prompt: »Und wie! Ich habe dir sogar einen Protagonisten, der ideal wäre!«

Sie erzählte mir von Wisi Zgraggen, einem knapp vierzigjährigen Landwirt aus Erstfeld, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat und trotzdem einen großen Hof mit rund 150 Tieren führt. Das klang zwar beeindruckend, schien aber nichts für mich zu sein, denn ich wollte ein Buch über einen Bauern schreiben und keins über einen Behinderten. Gaby Baumann blieb cool: »Lern’ ihn kennen und entscheide dann!« Beim Wörterseh-Znacht im Januar 2015 im Restaurant Weißer Wind in Zürich arrangierte sie ein Treffen: Wisi kam mit seiner Frau Angelika, ich mit meinem Mann René – und einem gebrochenen Unterarm mit Gips bis zum Ellenbogen. Als ich Wisi erstmals gegenüberstand, fiel mir nichts Besseres ein, als zu scherzen: Im Hinblick auf unsere Begegnung hätte ich mir aus lauter Solidarität grad mal den Arm gebrochen.

Er fand das offenbar lustig, zumindest lachte er. Das entspannte uns alle erheblich. Wir waren schnell beim Thema und sprachen über meine Buchidee, für die sich der Landwirt durchaus erwärmen konnte. Gleichzeitig beobachtete ich, wie Angelika ihrem Mann einen kurzen Strohhalm in die Kaffeetasse steckte, das Zellophanpapier des Kekses entfernte, der auf seiner Untertasse lag, und ihm diesen in den Mund schob. Im Nu kamen mir zahllose Fragen in den Sinn: Wie isst er eine ganze Mahlzeit? Wie zieht er sich einen Pullover über? Wie öffnet er den Reißverschluss seiner Hose? Und wie »umarmt« er seine Frau?

Beim Essen bekam ich zumindest auf die erste Frage eine Antwort: Angelika band Wisi ein schmales Band mit Klettverschluss um den Armstumpf, auf dem eine Stoffschlaufe befestigt war. In die Schlaufe steckte sie eine Gabel. Damit beugte sich Wisi tief über seinen Teller, lud sich geschickt Hörnli mit Gehacktem auf und schob sich eine Gabelladung nach der anderen in den Mund. Nach kurzer Zeit hatte er seinen Teller leergegessen. Ich war überrascht und merkte, wie meine Neugier wuchs. Wie führte er wohl seinen Hof? Wir verabredeten ein weiteres Treffen, diesmal in Erstfeld, Kanton Uri, auf dem Bielenhof, seinem Betrieb.

Ich war nach wie vor skeptisch und fragte mich, ob ich mich wirklich auf das Wagnis einlassen sollte, diesen Bauern zu porträtieren. Würden die fehlenden Arme nicht allgegenwärtig sein und andere, mir viel wichtigere Themen dominieren? Hätte ich beim Schreiben nicht ständig eine Schere im Kopf, die mich zu Rücksichtnahme und unentwegter politischer Korrektheit einem Behinderten gegenüber zwingen würde?

Der Besuch auf dem Bielenhof löste meine Bedenken auf. Nach einem Kaffee in der Wohnküche führte mich Wisi über den Hof zu den Ställen und präsentierte mir seine Tiere: Schwarze Dexterkühe, dazu ein paar dunkelbraune mit einem Rotstich, viele Muttertiere mit ihren Kälbchen und vier Stiere, die abgetrennt von der Herde in ihrer eigenen Box standen. Ein imposanter Anblick.

Just in dem Augenblick gingen zwei Tiere, Rinder, wie mir Wisi erklärte, aufeinander los und trugen einen rohen, in meinen Augen geradezu gewalttätigen Kampf aus, bei dem Knochen auf Knochen trafen, was scheußlich krachte. Wisi sah dem Treiben ungerührt zu, während ich fürchtete, dass sich die Tiere verletzen könnten. Aufgebracht bat ich ihn, die beiden zu stoppen, das sehe ja schrecklich aus. Er pfiff und lotste die Tiere mit Zurufen so zum Futterbarren, dass er ihre Köpfe zwischen den metallenen Stangen fixieren und sie damit am Weiterkämpfen hindern konnte. Den Hebel, den jeder andere Bauer mit der Hand umgelegt hätte, betätigte er mit dem Fuß.

Diese Sequenz wurde für mich zur Schlüsselszene. Ich sah Wisi auf einmal mit anderen Augen. Langsam dämmerte mir, dass er in erster Linie Bauer und nicht behindert war. Sein Alltag war von seiner Arbeit geprägt, seiner Frau und seinen vier Kindern. Dass er keine Arme hat, ist eine normale Begleiterscheinung, inzwischen eine Selbstverständlichkeit, die innerhalb seiner Familie und in seinem beruflichen Umfeld selten zu reden gibt.

Natürlich hatte der schreckliche Unfall im Jahr 2002 gravierende Folgen und machte eine komplette Neuausrichtung des Bielenhofs nötig – weg von der Milch-, hin zur Fleischwirtschaft. Dass er diese Herausforderung zusammen mit seinem Vater Alois angenommen hat und heute einen erfolgreichen Betrieb führt, hängt aber entscheidend damit zusammen, dass er seinen Beruf leidenschaftlich gern hat und sich keinen schöneren vorstellen kann. Als ich das kapiert hatte, war mir klar: Ich wollte mein Bauernbuch über ihn schreiben.

Bevor wir uns endgültig entschieden, schlug Wisi noch eine weitere Begegnung vor. Ich solle ihn doch zu einem Vortrag begleiten. Da würde ich in einer halben Stunde das Wichtigste zu seiner Person erfahren und könnte mir ein noch besseres Bild von ihm machen.

So fuhr ich nach Amriswil im Kanton Thurgau, wo Wisi an einem Seniorennachmittag im reformierten Kirchgemeindehaus auftreten sollte. Als ich den großen, etwas nüchternen Raum betrat, stieg er gerade auf die Bühne und ließ sich beim Anschließen seines Laptops und des Beamers helfen. Dann schob er sich mit dem einen Fuß den Schuh vom anderen und umgekehrt. Nanu! Was wurde das denn? Nachdem der Pfarrer ihn willkommen geheißen hatte, klatschte das Publikum, das mehrheitlich aus Frauen bestand. Wisi trat an den Bühnenrand, und nun kapierte ich, warum er seine Schuhe ausgezogen hatte: Er bediente die Maus seines Laptops, die auf dem Boden lag, mit dem Fuß.

Seine PowerPoint-Präsentation fesselte die Anwesenden. Sie verfolgten mucksmäuschenstill, wie Wisi seinen Alltag meistert. Als er sie anschließend bat, Fragen zu stellen, verharrten sie schweigend. Vielleicht verboten sie sich ihre Neugier aus Angst, ihm zu nahe zu treten. Darf man denn einen vom Schicksal so hart Geprüften mit der Frage belästigen, ob er die berühmten Phantomschmerzen habe und wenn ja, wie sie sich äußern? Als Kaffee und Butterbrezeln serviert wurden, wagte sich eine alte Dame in seine Nähe und wollte genau das von Wisi wissen. Er lachte sie an und gab bereitwillig Auskunft.

Das Interesse der Leute störe ihn nicht, erzählte er mir später. Im Gegenteil. Mit Mitleid könne er hingegen nicht viel anfangen: »Es gibt keinen Grund, mich zu bemitleiden; ich führe ein gutes Leben.« Hilfe nimmt er gerne an, wenn er sie braucht; nett gemeinte, aber unnötige Fürsorglichkeit, die ihn in die Rolle des Bedürftigen drängt, löst bei ihm – vorsichtig formuliert – Unbehagen aus. »Was mir stattdessen echt nützen würde, wäre eine zupackende Hand, die mir beim Gang aufs WC in einem Restaurant den Hosenladen öffnet, wenn ich pinkeln muss.« Seine Direktheit passte mir.

Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen, und ich bin rund vierzig Mal mit dem Zug von Zürich über Arth-Goldau nach Erstfeld gefahren, um mit Wisi, Angelika, seinem Vater Alois, seiner Mutter Silvia und anderen zu sprechen. Ich habe mitbekommen, welche Aufgaben ein Bauer im Verlauf eines Jahres erfüllen muss, sah trächtige Kühe, frischgeborene Kälber, kraftstrotzende Stiere, war dabei, als eine von Zgraggens Kühen an einer Schönheitskonkurrenz richtig gut abschnitt – und fasste im Herbst sogar den Mut, Wisi ins Schlachthaus zu begleiten. Mein innerer Widerstand war zwar riesig, aber ich bin froh, dass ich ihn überwunden habe. Es war ein emotional bewegendes Erlebnis für mich als Städterin, aber ich habe es verdaut und esse weiterhin Fleisch, allerdings nur noch ausgewähltes, über dessen Herkunft und Produktionsweise ich genau Bescheid weiß.

Die Arbeit an diesem Buch hat mich um viele Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen reicher gemacht. Für das Kapitel »Alles über Kühe – Kühe über alles« stellte ich Wisi weit über hundert Fragen und erfuhr endlich all das, was ich schon lange über das Rindvieh wissen wollte. Bei unseren Gesprächen wurde mir bewusst, dass die Zgraggens auf dem Bielenhof seit 1871 Landwirtschaft betreiben, lange Zeit als Selbstversorger in ärmlichen Verhältnissen. In diesen knapp 150 Jahren haben sie alle tiefgreifenden Veränderungen und Herausforderungen ihres Gewerbes – von der Mechanisierung über die Ökologisierung bis hin zur Globalisierung – miterlebt und dank erstaunlicher unternehmerischer Risikobereitschaft gemeistert. Wisi führt den Bauernhof in der fünften Generation. Sein fünfzehnjähriger Sohn Thomas soll dereinst die Nachfolge antreten.

Meine wachsende Freude hat letztlich auch meinen Mann, den Journalisten René Staubli, dazu bewogen, zwei Kapitel zu recherchieren und zu schreiben: »Erstfeld, das Eisenbahnerdorf« und »Das liebe Geld«. Darüber bin ich sehr froh.

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© Barbara Lukesch