Harald S. - ein Mann, der Frauen schlägt

Eskalation / 3. Mai 1997, "Das Magazin"

Symbolbild zum Thema Gewalt

Auf dem Telefonbeantworter ist die Welt noch in Ordnung. Zuerst hört man eine Männer-, dann eine Frauenstimme, und den Abschiedsgruss gibt es von beiden gemeinsam, vereint in Harmonie.

Harald S. und Edith A. sind seit drei Jahren ein Paar. Sie leben irgendwo im hiesigen Mittelland in einer unauffälligen Blocksiedlung. Ihre Dreizimmerwohnung ist bescheiden, aber mit Sorgfalt eingerichtet, gepflegt und ordentlich. Sie besitzen zwei Autos: Haralds grossen schnittigen Audi und Ediths kleinen praktischen Fiat. Er ist 44 Jahre alt, sie 37. Sie arbeitet als Krankenschwester in einem Spital, er ist EDV-Fachmann, aber zur Zeit arbeitslos. Kinder haben sie keine. Edith ist eine ausgezeichnete Köchin; Harald isst leidenschaftlich gern. In den Ferien verreisen sie gemeinsam in ferne Länder. Die Nachbarn schätzen an Harald und Edith deren sympathische, zurückhaltende Art.

Am Vormittag des 27. Februar hat es mit der Idylle wieder einmal ein Ende. Harald schlägt zu und die vermeintliche Harmonie weicht der Gewalt und Verzweiflung. Immerhin beschliesst Harald danach, sein Leben von Grund auf zu verändern und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der 27. Februar, sagt er, sei ein Schlüsseltag für ihn geworden.

Das verpatzte Mittagessen

An jenem Tag sass Harald am Wohnzimmertisch und klebte die Bilder vom jüngsten Sommerurlaub ins Fotoalbum ein. Er schwelgte in den schönen Erinnerungen an eine "phantastische Zeit" und fühlte sich "richtig harmonisch". Er freute sich wie ein Kind bei der Vorstellung, dass Edith "ausflippen wird vor Begeisterung, wenn sie sieht, was ich extra für sie gemacht habe". Versunken in seine Beschäftigung, bemerkte er nicht, dass es bereits gegen Mittag ging und er längst in der Küche hätte stehen und das Essen zubereiten sollen.

Als Edith müde und hungrig für ihre kurze Mittagspause nach Hause kam und feststellen musste, dass das Fleisch aus dem Tiefkühlschrank noch nicht einmal aufgetaut war, reagierte sie gereizt: "Es hat mich stinkig gemacht, dass ich nach der strengen Arbeit im Spital auch noch für uns beide hätte kochen sollen." Harald verstand die Anspielung auf seine Arbeitslosigkeit. Seine schöne heile Welt brach zusammen. Und Edith schrie ihn "mit dieser lauten bösen Stimme" an, obwohl sie doch genau wusste, wie sehr er "diesen Tonfall hasste" und dass er es nicht abkonnte, wenn sie nicht parierte.

Harald spürte blitzartig, wie sein Magen sich verkrampfte und zu schmerzen begann, wie sich seine Enttäuschung in ohnmächtige Wut verwandelte: "Ich spürte eine teuflische Spannung in mir, die mich schier zu zerreissen drohte." Als sich Edith etwas zum Essen machte, forderte er sie auf, ihm auch etwas zu bringen. Sie gab kurzangebunden zurück: "Bedien' dich doch selber!"

In dem Moment schlug Harald zu. Erst verpasste er Edith eine Ohrfeige, dann schüttelte er sie grob. Schliesslich schmiss er die Pfanne mit den Essensresten auf den Boden. "Im Augenblick des Zuschlagens", sagt Harald, "spüre ich eine grosse Erleichterung und Befreiung. Der Gewaltakt ist wie eine Explosion." "Schlagartig" sei der grässliche, unerträgliche Druck weg, die Situation sei für's erste "bereinigt" - wie nach einem Gewitter. Er könne wieder durchatmen und sei fähig, kontrolliert zu handeln. Und - er habe Edith mit ihren "aggressiven Vorwürfen" wenigstens zum Schweigen gebracht: "Endlich gab sie Ruhe!"

Gemeine Demütigung

An jenem 27. Februar allerdings zwang er seine Partnerin zusätzlich auf die Knie. Kalt und inzwischen sehr beherrscht nötigte er sie dazu, den Boden aufzuwischen, ihm etwas zu kochen und zu servieren - inklusive ein Glas Bier. Edith tat, wie ihr befohlen. Aus Angst, seine Wut erneut anzustacheln, schluckte sie auch diese Kränkung. Sie wusste, dass diese Demütigung, die sie als "besonders gemein" empfand, die letzte sein würde, die er ihr antun würde. Ganz zu schweigen von seinen Schlägen: Damit musste Schluss sein! Harald musste sich ändern, oder sie würde ihn verlassen. "Denn kein Mensch", sagt sie, "hat das Recht, mich zu schlagen."

Es war bereits der vierte Gewaltakt in ihrer Beziehung. Harald erinnert sich haargenau an jede der drei vorangegangenen Situationen, in denen es "geknallt" hatte: "Es verläuft immer nach demselben Muster", sagt er, "Wenn Edith mich provoziert und verbal angreift, raste ich aus." Zweimal habe es nur "kleine, leichte, nicht so harte Schellen" abgesetzt, wie er sich verharmlosend ausdrückt. Das dritte Mal sei "böse, wirklich böse" gewesen. Er weiss inzwischen, dass Edith auch die "kleinen Schläge" wehtun, ihr Vertrauen zerstören und sie vor allem psychisch verletzt zurücklassen.

Die erlittene Gewalt und die Angst vor weiteren Attacken, sagt Edith, hätten sie diszipliniert. Sie habe gelernt, höllisch aufzupassen, was sie sage und was sie tue. Obwohl sie sich nach der letzten Eskalation geschworen habe, Widerstand zu leisten, lege sie noch heute jedes Wort auf die Goldwaage und wäge jeden Schritt ab: "Denn wenn ich Haralds Erwartungen nicht entspreche, muss ich sofort wieder mit Gewalt rechnen."

Sie sei überzeugt, dass ihr defensives Verhalten sie vor weiteren Schlägen bewahrt habe: "Würde ich so reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, hätte er mich womöglich schon einmal spitalreif geschlagen." Ihre Horrorvision sei es, einmal schwere körperliche Verletzungen davonzutragen: "Ich weiss nicht warum, aber am meisten fürchte ich mich vor einem Leberriss."

Die Gewalt schweigend ertragen

Die 37jährige Frau, die schon mehrmals in ihrem Leben mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatte und während etlicher Wochen auch psychiatrisch interniert war, hat Übung darin, den Menschen in ihrer Umgebung die Wünsche von den Augen abzulesen. Ihr Gegenüber muss gar nicht erst aussprechen, was er von ihr erwartet; mit sicherem Instinkt wittert sie seine Bedürfnisse und befriedigt diese - in der Hoffnung, sich damit Zuneigung und Wohlwollen zu sichern.

So ertrug Edith es bis anhin schweigend, wenn Harald nach seinen Gewaltausbrüchen ohne ein Wort der Entschuldigung und ohne ein Zeichen der Reue zum Alltag überging. Am Nachmittag konnte er sie schlagen, und am Abend sassen sie nach einem gemeinsamen Nachtessen vor dem Fernsehgerät, wie wenn nichts geschehen wäre: "Wir haben unsere Probleme immer unter den Teppich gekehrt", sagt sie, "und nicht ein einziges Mal über die Gewalt in unserer Beziehung gesprochen." Sie habe sich aus reinem Selbstschutz nicht getraut, das heikle Thema aufzugreifen.

Harald und Edith sind sich nie wirklich nahe gekommen. Der Mann und die Frau, die sich nun schon drei Jahre kennen, wissen nahezu nichts aus ihrer gegenseitigen Vorgeschichte. Edith hatte - mindestens bisher - keine Ahnung davon, dass ihr Partner in einer Familie aufgewachsen war, die vom Alkoholismus des Vaters und seiner Gewalt gegen die Mutter terrorisiert wurde. Mit Befremden nahm sie jeweils zur Kenntnis, wie versessen Harald darauf war, an Weihnachten ein "romantisches Fest", wie er es nennt, mit Christbaum, Kerzen, Liedern und Geschenken zu feiern. Hätte sie geahnt, dass Weihnachten in seiner Familie jeweils der "nackte Horror" mit einem sinnlos betrunkenen Vater und einem "regelmässig lichterloh brennenden Tannenbaum" war, hätte sie seinen Drang, es anders und besser zu machen, mit Sicherheit verstanden.

Mehr Offenheit hätte gut getan

Harald andererseits wusste nur in groben Zügen, dass Edith eine schwer alkoholkranke Mutter hatte und unter einem gewalttätigen Vater litt, der seine Frau regelmässig schlug. Nie hatte sie ihm erzählt, wie schlimm es für sie als Kind und Jugendliche war, nach aussen die Fassade der Normalität und familiären Harmonie aufrechtzuerhalten, während zu Hause alles in Scherben lag: "Die Mutter besoffen im Bett, Geschrei, Gewalt, wir Kinder haben heimlich und voller Verzweiflung die Weinflaschen ausgeleert - immer und immer wieder. Es war die Hölle." Von ihren Männerbekanntschaften mochte sie Harald nichts erzählen, weil sie überzeugt war, "seinen hohen Ansprüchen mit meinen Erlebnissen nicht zu genügen."

Auch diesbezüglich hätte Offenheit dem Paar wahrscheinlich gut getan und falsche Bilder und irrige Vorstellungen abgebaut. Ausserdem hätte Edith erfahren, dass sie nicht die einzige Frau war, die von Harald geschlagen wurde.

Seit mehr als zwanzig Jahren übt Harald Gewalt gegen seine Partnerinnen aus. "Es gab auch Freundinnen", sagt er, "denen habe ich kein Haar gekrümmt, aber diejenigen, die ich besonders lieb hatte, mussten immer wieder dran glauben." Seine damalige Ehefrau, eine "wunderschöne Türkin, nach der sich alle Männer auf der Strasse umdrehten", bezahlte mit fortgesetzten Prügeln dafür, dass sie hin und wieder mit einem anderen Mann ins Bett ging. - "Mich betrügt man nicht." Schon immer war das Schlagen sein einziges Ausdrucksmittel, um sich in Konfliktsituationen zu behaupten. "Wenn eine Frau nicht das tat, was ich wollte, hat's patsch gemacht."

Dabei wollte und will er ja eigentlich nur eins: Harmonie. Harmonie und eine glückliche Familie - mithin all das, was er in seiner Kindheit so schmerzlich vermisste. Streit in einer Partnerschaft könne er nicht ertragen, sagt er, weil so etwas seinem Ideal von einer "ruhigen, friedlichen Liebe" widerspreche. Dass er stattdessen seinen Freundinnen Gewalt angetan, die "Harmonie" erzwungen und damit jede Beziehung eigenhändig kaputt gemacht hat, scheint er lange Zeit gar nicht recht wahrgenommen zu haben.

Gestörte Kommunikation

Warum der Mann, den eine Personalberatungsfirma erst kürzlich als "aufgeweckten, motivierten Gesprächsteilnehmer" charakterisierte, "der es versteht, sich klar und präzise auszudrücken und gleichzeitig aufmerksam zuzuhören ", so grosse Mühe hat, sich auch im privaten Leben mitzuteilen, lässt sich nur erahnen.

Ausdruck der gestörten Kommunikation zwischen Harald und Edith ist auch die Art, wie sie sich gegenseitig wahrnehmen und beschreiben. Harald sieht sich selber als "Logiker". Wenn er etwas sage, meine er das auch so: "Fakt ist Fakt." Dann müsse man doch nicht hundertmal drumherumreden: "Drei Sätze", und die Sache sei klar.

Edith hingegen würde gern mehr besprechen. Sie ertrage es schlecht, sagt sie, dass Harald auf ihre Bitte, doch einmal mit ihr zu reden, weil es ihr nicht gut gehe, kaltschnäuzig antworte: 'Dann musst du halt ins Bett!'

"Das ewige Gemeckere", wie Harald Ediths Gesprächswünsche gern abqualifiziert, geht ihm schnell auf die Nerven: "Die Edith eiert immer so im Zeug herum und dreht und wendet die Sachen zigmal, bis sie endlich zufrieden ist". Sie könne sich auch nicht so gut ausdrücken und fühle sich ihm gegenüber diesbezüglich unterlegen: "Ich bin nun einmal rhetorisch stark und habe ein schnelles Auffassungsvermögen."

Allerdings kann sich auch Edith sehr gut und präzise artikulieren. Sie möchte nichts lieber als sich austauschen und Konflikte mit Worten bereinigen, statt immer alles in sich hineinzufressen oder - noch schlimmer - Schläge zu kassieren. Indem Harald zuschlägt, prügelt er auch ein leidiges, belastendes Thema vom Tisch. Schlagartig hat er dann wieder das Heft in der Hand, handelt wie ein ganzer Mann und stoppt das "gefühlsduselige unergiebige Frauenzeugs."

Arbeitslosigkeit als Problem

Eines dieser Themen, das zwischen den beiden immer wieder zu unterschwelligen Spannungen führt, ist Haralds Arbeitslosigkeit. Der Computerfachmann hat schon mehrmals seine Stelle verloren, was ihn scheinbar cool lässt. Er bezeichnet sich als "Stehaufmännchen". Nur widerstrebend gibt er schliesslich preis, dass er in Wahrheit Höllenqualen leidet, wenn ein Chef ihm wieder einmal die Kündigung überreicht, dass er Magenschmerzen bekommt, Übelkeit empfindet und das Gefühl hat, es werde ihm der Boden unter den Füssen weggezogen. Edith wusste von diesen verborgenen Regungen und Reaktionen bisher nichts. Ihr gegenüber präsentierte sich Harald stets optimistisch und unberührt von Ängsten - und liess sie ratlos zurück. Wenn sie dann eher pessimistisch in seine berufliche Zukunft blickte, ihm auch subtile Vorwürfe machte, stichelte und ihn - genährt von eigenen Ängsten - mehr verunsicherte denn stärkte, war er emotional "schnell auf hundert" - und schlug zu.

In solchen Situationen, klagt Harald, empfinde er Edith regelrecht als "gewalttätig". Sie provoziere ihn dermassen, dass er sich nur noch wehren könne, indem er ihr eine Ohrfeige verpasse. Im Grunde genommen sei er gar kein Schlägertyp. Er übe lediglich Gegengewalt aus. Edith, stützt Harald seine These, sei aller Eskalationen zum Trotz bei ihm geblieben, "weil sie ihren Teil der Schuld eben einsieht."

Unsicher, wie Edith ist, ist sie tatsächlich bereit, die Fehler für das Scheitern ihrer Beziehung bei sich zu suchen: "Offenbar verletze ich Harald immer wieder an dem Punkt in seinem Herzen, an dem ihn einfach niemand berühren darf". Oder sie geht noch einen Schritt weiter und sagt: "Auch wenn ich heute behaupte, dass niemand das Recht habe, mich zu schlagen, bleibt ein gegenteiliges Grundgefühl in mir: 'Man darf dich schlagen und dafür bestrafen, dass du so dumm, minderwertig und nicht liebenswürdig bist'."

Ediths Selbstbezichtigungen sind Wasser auf Haralds Mühlen. Doch immerhin ahnt er inzwischen, dass es nicht länger damit getan ist, an seiner Partnerin "herumzunörgeln". Er selber, sagt er, müsse die Kontrolle über sein Handeln zurückgewinnen und sein Verhalten grundlegend überdenken.

Reue, Scham, Ungewissheit und Angst

Dass grundlegende Veränderungen nötig sind, ist für Harald unbestritten. Keine Stunde nach einem Gewaltausbruch fühlt er sich jeweils so mies und winzig, dass er glaubt, er könnte "unter einer Teppichkante hindurchlaufen". Er empfindet Reue, mitunter auch Scham, und seine Tat tut ihm so leid, dass er sie am liebsten ungeschehen machen möchte. Ungewissheit und Angst belasten ihn, und er fragt sich völlig zerstört: "Warum bist du überhaupt auf dieser Welt?"

Da nützen alle Rechtfertigungsversuche nichts: Dass er als Kind doch auch verdroschen worden und trotzdem "ganz recht" herausgekommen sei. Oder dass er doch eigentlich ein "lieber, intelligenter und umgänglicher Mensch" sei und sowieso "nur ein kleines Licht im Vergleich zu den wirklichen Gewalttätern."

Nun hat aber auch das "kleine Licht" schon dermassen zugeschlagen, dass Edith übersät mit blauen Flecken am Boden liegenblieb. Wie Harald diese Szene schildert, wird ihm unversehens schlecht, und er braucht einen Cognac. Zum erstenmal bekommt die Fassade des gelassenen, kontrollierten Gesprächspartners einen Riss. Für kurze Zeit lässt er sich von seinen Gefühlen überwältigen, verliert seine rhetorische Überlegenheit und gerät ins Stocken. In jenem Moment habe er Edith wirklich mit den Fäusten verprügelt und auch mit dem Fuss nach ihr getreten: "Das war wirklich böse", sagt er händeringend und wandert rastlos im Zimmer auf und ab. Auch sein Rücken tut ihm jetzt weh. "Ich fühle mich dreckig und beschämt, wenn ich daran zurückdenke." Dieser Vorfall mache ihm Angst, denn in jenem Moment habe er das Risiko in Kauf genommen, Edith auch körperlich schwer zu verletzen: "Und das will ich wirklich nicht, oh, Gott, nein."

Nicht zuletzt auf Grund dieser Gewalteskalation realisierte Harald, dass er nichts als Zerstörung in seinem Leben anrichtete. Er spürte immer deutlicher, dass seine Gewaltausbrüche ihm zwar kurzfristig Befreiung verschafften und ihn mindestens vordergründig wieder zum Herrn im Haus machten, dass aber der Schaden, den sie verursachten, unermesslich viel schwerer wog. "Ich muss lernen", sagt er, "meine Gewalt zu kontrollieren, allenfalls das Zimmer zu verlassen oder mit Edith zu reden."

Hilfe vom "mannebüro"

Nach dem jüngsten Gewaltakt Ende Februar hatte Edith erstmals deutlichere Zeichen gesetzt. Sie war zu ihrem Bruder geflohen, hatte ihn über das erlittene Unrecht aufgeklärt und einige Wochen bei ihm und seiner Frau Unterschlupf gesucht. Sie drohte Harald mit Trennung und wollte ihn aus der gemeinsamen Wohnung werfen. Harald merkte, dass Edith sich von ihm zu lösen begann.

Als sie ihm einen Zeitungsartikel über das Zürcher "mannebüro" zu lesen gab, wo gewalttätige Männer Rat und Hilfe finden, willigte Harald zu ihrer grossen Überraschung ein, sich dort zu melden. Es bereitet ihm nach wie vor Mühe, sich und anderen einzugestehen, dass er, der Mann, der sich gern für seine Initiativkraft, seine Unabhängigkeit und sein Organisationstalent rühmt, fremde Unterstützung nötig hat. Als er daran denkt, auch an einer geplanten Männergruppe teilzunehmen, sieht er für sich die Rolle desjenigen vor, "dessen Erfahrungen den anderen vielleicht bei der Bewältigung ihrer Probleme helfen können."

Allen Abwehrmechanismen zum Trotz lässt sich Harald heute so tief auf seine eigenen Schwierigkeiten ein wie nie zuvor. Er beansprucht die Hilfe des "mannebüros", liest Bücher zum Thema Männergewalt und hat Edith versprochen, gemeinsam mit ihr eine Paartherapie zu beginnen. Er sagt inzwischen Sätze, die ihm sein Stolz vor einiger Zeit niemals durchgelassen hätte: "Egal, wie sehr Edith mich provoziert und reizt - es gibt keine Rechtfertigung, sie zu schlagen." Schliesslich, ergänzt er, wolle er selber auch von niemandem geschlagen werden.

Edith ist unentschieden, wenn sie über den Fortgang ihrer Beziehung nachdenkt. Zum einen hat sie Angst vor dem Alleinsein. Andererseits verspürt sie aber auch eine starke Sehnsucht nach einem geschützten Raum, der ihr allein gehört. Am liebsten würde sie vorübergehend alleine wohnen, und trotzdem gemeinsam mit Harald eine Paartherapie versuchen. "Ich möchte wieder mich selber sein", sagt sie, "auch mal einen Krach riskieren können, ohne sofort mit Gewalt rechnen zu müssen." Heute lebe sie ein "verlogenes Leben", und das müsse sich ändern. Schliesslich habe sie auch noch einiges vor, wolle zum Beispiel eine neue Ausbildung beginnen.

Harald seufzt tief angesichts dessen, was es zu bewältigen gilt: Stellensuche, allenfalls Wohnungssuche, die Beziehung zu Edith, die Auseinandersetzung mit seiner Neigung zur Gewalt. "Bin ich mit meinen 44 Jahren überhaupt noch in der Lage", fragt er bitter, "meine alten eingeschliffenen Verhaltensmuster radikal zu verändern?" Mit entschiedener Handbewegung wischt er alle Zweifel vom Tisch: "Es muss möglich sein, denn so wie bisher möchte ich nicht weiterleben."


"Die Männer müssen einsehen, dass sie es sind, die schlagen"

Interview mit dem Sozialpädagogen Lucio Decurtins und dem Täter-Therapeuten Peter Gehrig über gewalttätige Männer.

Seit März dieses Jahres wird das Zürcher "mannebüro" von dem Sozialpädagogen und Projektleiter Lucio Decurtins, 34, in einer 50 Prozent-Anstellung geführt. Nach knapp achtjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit wurde damit die erste professionelle Beratungsstelle für gewalttätige Männer in der Schweiz eingerichtet. Decurtins berät Männer in Einzelgesprächen und leitet gemeinsam mit Peter Gehrig auch Gruppen. (01/271 00 88) Der Zürcher Psychiater und Sexualtherapeut Peter Gehrig, 54, arbeitet in seiner Praxis seit rund zwanzig Jahren auch mit Männern, die sexuelle und/oder körperliche Gewalt ausüben.

Herr Decurtins, seit acht Jahren bieten Sie im Rahmen des Zürcher "mannebüros" Beratung für gewalttätige Männer an. Sie kennen auch die Geschichte von Harald S., der mehrmals Ihre Hilfe beansprucht hat.(*) Stellt er den typischen Klienten dar?

Lucio Decurtins: In der Art, wie Harald S. die Verantwortung für sein gewalttätiges Handeln übernimmt, ist er sehr untypisch. Ihm ist sein Gewaltverhalten bewusst, während viele andere Männer dieses verleugnen und überhaupt nicht wahrhaben wollen. Redet man länger mit ihm, kommen dann auch bei ihm Versuche zum Vorschein, die Schuld und Verantwortung auf die Umstände beziehungsweise auf seine Partnerin abzuschieben. Ich denke, dass er sein Problem auf der rationalen Ebene verstanden hat, auf der emotionalen Ebene hat er jedoch den Zugang noch nicht gefunden. Zwischenmenschliche Konflikte hält er schlecht aus. Dies ist sehr typisch für Männer. Das wäre dann auch die Ebene, auf der im Rahmen einer Therapie gearbeitet werden müsste.

Wieviele Anfragen von gewalttätigen Männern bekommen Sie beim "mannebüro"?

Decurtins: In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind rund ein Dutzend hilfesuchender Männer persönlich bei uns vorbeigekommen. Dazu kommen noch etliche rein telefonische Kontakte. Das ist natürlich eine verschwindend kleine Anzahl, wenn man bedenkt, dass gemäss einer aktuellen Genfer Nationalfonds-Studie rund 20 Prozent der Frauen einmal oder mehrmals in ihrem Leben mit Gewalt von ihrem Partner konfrontiert werden.

Welche Männer wagen es denn, sich mit ihrem Gewaltproblem an Ihre Beratungsstelle zu wenden?

Decurtins: Das sind jene Männer, die den Kreislauf der Gewalt in ihrer Partnerschaft schon lange durchschaut, das Problem aber trotzdem immer wieder verdrängt haben. Sie kommen häufig auf Druck ihrer Partnerinnen. Da heisst es: Entweder du unternimmst jetzt etwas oder ich lasse mich endgültig scheiden. Die Angst, dass ihre Beziehung kaputt gehen könnte, lässt einige Männer auch von sich aus handeln.

Welche Art von Hilfe erwarten diese Männer?

Decurtins: Oft hätten sie am liebsten ein Patentrezept, das ihnen innert Kürze alle Sorgen abnimmt und ihr Gewaltproblem sozusagen über Nacht löst. Gegenüber therapeutischer Arbeit sind Männer vielfach skeptisch. Denn damit wären langfristige, anstrengende Auseinandersetzungen verbunden, die auch sehr schmerzhaft sein können.

Herr Gehrig, welche Gewalttäter sind dann trotzdem bereit, sich bei Ihnen einer Therapie zu unterziehen?

Peter Gehrig: Das ist ganz unterschiedlich. Nur selten melden sich Männer mit einer Gewaltproblematik aus eigener Initiative bei mir. Kürzlich rief eine Frau an, die gemeinsam mit ihrem Mann eine Sexualtherapie wegen seiner Lustlosigkeit machen wollte. Erst im Verlauf der vierten Sitzung erfuhr ich, dass er sie bei den geringsten Kränkungen schlägt.

Wieso hat die Frau nicht von Anfang an davon gesprochen?

Gehrig: Gewalt in Partnerschaften ist oft etwas sehr Verschwiegenes und Tabuisiertes, das beim Mann - und bei der Frau grosse Schuld- und Schamgefühle weckt. Die Frauen fragen sich oftmals verzeifelt: Was mache ich falsch, dass er mich so verprügelt? Oder sie schämen sich, dass sie sich jahrelang dermassen haben demütigen lassen.

Wie kann eine Frau erkennen, dass ein Mann zu Gewalttätigkeit neigt?

Gehrig: Gewalttätigkeit kann "jedermanns" Gesicht tragen. Besonders anfällig sind selbstunsichere Männer, die sich oftmals hinter Fassaden von besonders beeindruckender Männlichkeit verstecken.

Decurtins: Wenn diese Männer gewalttätig reagieren, fühlen sie sich zwar oft schlecht und schämen sich. Aber - sie haben "ihren Mann gestellt". Jetzt kann ihnen niemand mehr vorwerfen, sie seien nur eine halbe Portion.

Geht diese Rechnung wirklich auf? Schliesslich wird Gewalt doch in hohem Masse gesellschaftlich geächtet.

Decurtins: Da bin ich gar nicht so sicher. Ich denke, dass es unter Männern viel verpönter ist, als Pantoffelheld oder schlaffer Softie dazustehen. Erzählt hingegen einer im Betrieb, dass er seiner Frau mal wieder gezeigt hat, wo Gott hockt, kann er mit Akzeptanz, womöglich sogar mit Bewunderung rechnen. Trotzdem befindet sich der schlagende Mann natürlich an der Grenze der gesellschaftlichen Bekömmlichkeit. Daher legen sich gewalttätige Männer ja auch verschiedene Rechtfertigungsmuster zurecht, mit denen sie ihr Tun entschuldigen.

Woran denken Sie da?

Gehrig: Männer orten die Ursachen für ihr gewalttätiges Verhalten oft ausserhalb ihrer selbst. Sie sehen sich als Opfer der Frau, die durch ihre Kritik an ihnen, ihre sexuelle Verweigerung oder ihre Versuche, eigenständig zu sein, ihre Wut erregt. Schuldzuweisung, Verharmlosen der Gewalt und das Ignorieren der Konsequenzen stellen Versuche dar, die eigene Verantwortung abzuwehren.

Welchen Preis zahlen gewalttätige Männer für ihr Verhalten?

Gehrig: Es liegt im Wesen der Männergewalt, dass sie sich sowohl gegen Frauen wie auch gegen andere Männer und eigene sogenannt "weibliche" Seiten richtet. Mit Gewalt, zum Beispiel in Form von Härte gegen sich selbst oder Arbeitswut, werden dann Ängste, Schmerz, Trauer, aber auch Sehnsüchte und Wünsche nach Zärtlichkeit bekämpft. Männer bezahlen einen hohen Preis.

Decurtins: Wegen dem fehlenden Zugang zu den eigenen Emotionen und denen der Partnerin gehen dann häufig auch ihre Beziehungen kaputt.

Gehrig: Gewalttätige Männer geraten auch in gesellschaftliche Isolation und können mit niemandem über ihr Problem reden.

Die Sprachlosigkeit, unter der auch Harald S. und Edith A. leiden, ist offensichtlich. Wieso fällt es einem an sich rhetorisch begabten Mann so schwer, sich seiner Partnerin mitzuteilen?

Gehrig: Wer miteinander redet, nimmt den anderen als Gegenüber und damit als von sich getrennten Menschen wahr. Das läuft dem Wunsch nach Harmonie zuwider. Oft glauben Männer auch, dass das Sprechen über die eigene Person zu Demütigungen und Zurückweisung führe. Wir haben über den Preis der Männergewalt gesprochen. Irgendwo muss ja aber auch ein Gewinn liegen, der die Männer immer wieder zuschlagen lässt.

Decurtins: Der Mann gewinnt auf diese Art - mindestens vorübergehend - die Kontrolle über seine Frau und unterbindet damit Verhaltensweisen bei ihr, die ihn bedrohen. Das wird ja auch in der Geschichte von Harald S. deutlich: Seine Partnerin hat sich lange Zeit von ihm disziplinieren lassen.

Harald S. war immer wieder arbeitslos und ist auch jetzt wieder auf Stellensuche. Lässt sich diese Tatsache mit seinem Gewaltverhalten in Zusammenhang bringen?

Decurtins: Das ist durchaus möglich. Denn Männer definieren sich in hohem Masse über ihre Arbeit. Folglich stellt Arbeitslosigkeit eine grosse Kränkung für das Selbstwertgefühl als Mann dar. Das Ausüben von Gewalt ist ein Versuch, das Gefühl von intakter Männlichkeit wiederherzustellen. Zudem ist Arbeitslosigkeit auch ganz einfach ein Stressfaktor, der - kumuliert mit anderen - das Risiko der Gewaltanwendung erhöht.

Welche Faktoren können denn das Gewaltverhalten von Männern zusätzlich begünstigen?

Gehrig: Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie sind da noch zu nennen. Hinzu kommt das Fehlen vertrauensvoller und haltgebender sonstiger Beziehungen.

Decurtins: Alkohol kann zusätzlich zur Enthemmung und zur Senkung der Schlaghemmung beitragen. Wobei man bei all diesen Aussagen aufpassen muss, weil die Täter nichts schneller zur Hand haben als Argumente, mit deren Hilfe sie sich aus der Verantwortung stehlen können. Alkohol ist da besonders beliebt: Ich war betrunken, also war ich nicht zurechnungsfähig.

Ist Männergewalt vor allem ein sogenanntes Unterschicht-Problem?

Gehrig: Nein. Männergewalt findet man in allen Schichten, jedoch gehäuft in jüngerem Alter.

Wie stehen Sie persönlich zu einem Mann, der seine Frau seit Jahren schwer misshandelt?

Decurtins: Ich bin für den Mann da, wenn er zu mir in die Beratung kommt, respektiere ihn als Menschen und kann seine Not und Verzweiflung verstehen. Aber ich mache ihm auch deutlich, dass ich seine Handlungen missbillige. Ich helfe ihm zu erkennen, dass er lernen kann, anders zu reagieren, wenn er sich auf einen Entwicklungsprozess einlässt.

Gehrig: Voraussetzung für die therapeutische Arbeit ist, dass ich bereit bin, mich auf diese Männer einzulassen und ihre Würde zu bewahren - also genau das, was sie selber bei ihren Partnerinnen mit Füssen treten.

Kommen diese Klienten überhaupt regelmässig und halten sich an Ihre Abmachungen?

Decurtins: Das ist sehr unterschiedlich. An Abmachungen halten sich die Männer schon. Viele allerdings brechen die Beratung bereits nach einer Sitzung wieder ab, weil ihnen das ganze zu beschwerlich, aber auch zu bedrohlich wird. Andere sind wieder weg, wenn sich die akut wahrnehmbare Krise gelegt hat, wenn also beispielsweise die Frau aus dem Frauenhaus zu ihnen zurückgekehrt ist.

Gehrig: Für Männer ist das Inanspruchnehmen von Hilfe oft mit dem Verlust von Selbstwert verbunden, das heisst mit dem Eingeständnis, es selbst nicht mehr zu schaffen. So ist es oft nicht einfach, eine Ebene zu finden, die den Einstieg in eine Therapie ermöglicht. Was können Sie dazu beitragen, um Ihre Klienten zu einem neuen gewaltfreien Verhalten zu bringen?

Decurtins: Die Männer müssen einsehen, dass sie es sind, die schlagen. Dass da nicht eine höhere Macht im Spiel ist und dass es mit der Erklärung, es sei halt die Hand, die ausrutscht, eben auch nicht getan ist. Erst wenn sie das verstehen, haben sie die Möglichkeit, ihr Verhalten auch zu ändern.

Gehrig: Nebst der Analyse und Bearbeitung der Gewaltsituationen können sich Männer in der Therapie als jemanden erfahren, der über mehr Sensibilität und Emotionalität verfügt, als er sich und anderen bisher zeigen wollte. Vielleicht merkt er, dass das Sprechen über Gefühle nicht gleichbedeutend ist mit der Aufgabe von Macht, Stärke und Kontrolle und lernt so, besser für sich zu "sorgen". Beziehungsängste, das Vermeiden von Nähe und Abhängigkeit und der Umgang mit Lust und Sexualität sind weitere Inhalte der Therapie.

Welche Gewalttäter kommen denn auf gar keinen Fall ins "mannebüro"?

Decurtins: Diejenigen, die Gewalt gezielt einsetzen, um ihre Frauen gefügig zu machen und damit auch "Erfolg" haben.

Gehrig: Und jene, die Gewalt für etwas ganz Normales erachten...
Decurtins: ... und sie zum Teil nicht einmal als solche wahrnehmen.

* Lucio Decurtins wurde von Harald S. von der Schweigepflicht entbunden.

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© Barbara Lukesch