Ruth Ramstein, "Unruhestifterin" von Möriken

Zivilcourage / 25. Oktober 1997, "Das Magazin"

Symbolbild zum Thema Gewalt

Die Möriker lehnen Ruth Ramstein ab, weil sie dem übergriffigen Turnlehrer Köbi F. das Handwerk legen will.

"Wer mehr wisse, mehr spüre, sei verdächtig. Man fürchte, er verlasse seine gottgewollte Stellung im Leben, rüttle an der festgefügten Ordnung der Dinge. Dabei sei die Ordnung nicht festgefügt, sondern voller Abgründe, Fallen, Schlaglöcher." (Anna Göldin. Eveline Hasler)

Bereits vor sechs Jahren wussten alle Bescheid: Das Erziehungsdepartement des Kantons Aargau ebenso wie der Schulrat des Bezirks Lenzburg und die Schulpflege von Möriken-Wildegg. Doch die Behördenvertreter zogen es allesamt vor, die sexuellen Übergriffe des Möriker Primarlehrers und Kunstturntrainers Köbi F. gegen Minderjährige zu verharmlosen und unter den Tisch zu wischen. Stattdessen ächteten sie Ruth Ramstein, jene Frau, die den Skandal aufs Tapet gebracht hatte. 1997 platzt die Möriker Eiterbeule dennoch auf. Inzwischen wird gegen K.F. in einem Strafverfahren ermittelt. Die Möriker Schulpflege aber will von Verantwortung und Versagen nichts wissen und stellt sich am kommenden 26. Oktober erneut zur Wahl, als sei nichts gewesen.

Die Möriker sind ein stolzes Völklein, ja, sie neigen nach Aussage eines Einheimischen gar zu Überheblichkeit und Grössenwahn. Immerhin war Yul Brynner, der Hollywoodschauspieler mit dem markanten Glatzkopf, Bürger von Möriken und nahm noch in den siebziger Jahren persönlich an einem der beliebten Jugendfeste im Aargauer Dörfchen teil. Jetzt ist der berühmte Bürger zwar tot, aber Möriken besitzt auch Schätze von bleibendem Wert. Erwähnt werden kann das Schwimmbad, eine gepflegte und rege benutzte Freizeitanlage, dann das gross und kraftvoll über dem Flecken thronende Schloss Wildegg, die Bezirksschule und eine Dreifach-Turnhalle und, nicht zu vergessen, der Gemeindesaal, in dem der Möriker Männer- und Frauenchor gemeinsam mit professionellen Solisten alle zwei Jahre eine Operette zur Aufführung bringt.

Der Mohrenkopf im Wappen

Bemerkenswert, wenn auch nicht mehr ganz zeitgemäss, ist sodann das Möriker Gemeindewappen. Darauf prangt ein Mohrenkopf, ein krausköpfiges Negerlein mit wulstigen Lippen, Kulleraugen und kugelrunden Ohrringen. Den Eingang des Schwimmbades zieren sogar zwei dieser lustigen Gestalten, die der Künstler passend zur Umgebung in Badehosen gesteckt hat. Mit ihren Asylanten, deren Holzbaracken nach heftigster Gegenwehr eines Teils der Dorfbevölkerung an den Rand des Orts abgedrängt wurden, tun sich die Möriker hingegen eher schwer.

Das erstaunt kritische Geister unter den Einheimischen nicht. "Die Möriker", sagt einer, "halten sich für etwas ganz Besonderes". Einzigartig sei hier aber allein der Filz, die allgegenwärtige Ignoranz und der Drang zur Abwehr all dessen, was die wohlgefügte Gemeindeordnung bedrohe. Als sich in Möriken vor einigen Jahren ein gravierender Fall von sexuellen Übergriffen gegen Minderjährige zutrug, verübt von einem Primarlehrer und Kunstturntrainer aus einer alteingesessenen Familie, stellte sich ein Grossteil der Bevölkerung hinter den Täter und verriet seine eigenen Kinder. Noch heute wird der unbewältigte Dorfskandal, so gut es eben geht, unter den Tisch gewischt, obwohl er längst die Justiz beschäftigt. Die Schulpflege, die in diesem Fall während Jahren versagt hat, will sich am 26. Oktober wiederwählen lassen, als wäre nichts gewesen.

Die Unruhestifterin von Möriken heisst Ruth Ramstein. Obwohl die 48jährige Hausfrau mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bereits seit zwölf Jahren in der 3000-Seelen-Gemeinde wohnt, gilt sie nach wie vor als "Neuzuzügerin", will sagen als Fremde. Daran, und dessen ist sie sich bewusst, wird sich nie etwas ändern. Zu selten lässt sich die grossgewachsene, schlanke Frau im Restaurant "Rössli" oder im "Central" blicken. Nie war sie Mitglied in einem der zahlreichen Vereine.

Direkte, unverblümte Art

Doch sie engagiert sich durchaus auch für die dörfliche Gemeinschaft. 1990 und '91 war sie Mitglied der Schulpflege und Präsidentin der Kindergartenkommission und stellte vor kurzem gemeinsam mit anderen den Möriker Jugendtreff auf die Beine. Seit zwölf Jahren arbeitet sie zudem in der Pro Juventute im Bezirk Lenzburg mit. An der Gemeindeversammlung scheut sie sich nicht, das Wort zu ergreifen - auf ihre direkte, unverblümte Art, die nicht jedermann's Sache ist. Sie treffe den Ton nicht, halten ihr ihre Gegner vor, falle einem Gegenüber bei jedem zweiten Satz ins Wort, sei dominant, ja, aggressiv. Wer sie näher kennt, lobt eher ihre "ausgeprägte Teamfähigkeit, Loyalität zur Sache sowie Konsensfähigkeit". (Leserbrief in der Aargauer Zeitung vom 7. Juni 1997) "Ich rede eben nicht um den heissen Brei herum", gibt sie zu, "und die Freiheit, eine eigene Meinung zu haben und diese auch kundzutun, werde ich mir immer leisten." Sie hasse nichts mehr, hält sie unmissverständlich fest, als Intrigen und Mauscheleien.

1990 wird Lisa, die Tochter von Ruth Ramstein, in Möriken eingeschult. Bald klagt die Siebenjährige ihrer Mutter, sie könne es nicht leiden, dass der Lehrer Köbi F. sie beim Vorlesen auf den Schoss nehme, an sich presse und trotz ihrer Gegenwehr nicht mehr herunterlasse. Sie möge auch seine Küsse auf ihren Mund nicht und hasse es, wenn sie zur Begrüssung einen Purzelbaum machen müsse und er ihr dabei in den Po beisse. Die Spiele in der Badi würden ihr stinken, weil sie überhaupt keine Lust habe, auch noch den Lehrer in dessen Hinterteil zu beissen.

Ruth Ramstein ist alarmiert, zumal sie in der örtlichen Schulpflege sitzt. Ganz unvorbereitet trifft sie Lisas Schilderung allerdings nicht. Wer wollte, konnte schon seit längerem beobachten, dass F. in hautengen silbernen Leggings und mit nacktem Oberkörper oder an heissen Sommertagen nur mit einer knappen Badehose bekleidet Schulunterricht erteilte. Während der Schwimmlektionen lässt er Mädchen und Knaben "Abrollübungen über seinen Bauch und Penis" machen, lässt die Kinder auf dem Sprungturm "an seinem Körper hinabgleiten", nimmt eine Schülerin zwischen die Beine und "massiert sie auf der Brust" - wie die Psychologin Beatrix Weber später in einem Schreiben an die Schulpflege schriftlich festhält. Viele Möriker wissen auch, dass Köbi F. in seiner Freizeit neun- bis vierzehnjährige Kunstturnerinnen trainiert, gemeinsam mit ihnen duscht und ihnen sogenannte "Belohnungsküsse" auf den Mund verpasst.

Alarm in der Schulpflege

Als Ruth Ramstein einige Zeit später erfährt, dass F. zwei siebenjährige Schülerinnen beim gemeinsamen Übernachten seiner Klasse bei sich daheim zu sich ins Bett genommen und gestreichelt haben soll, schlägt sie in der Schulpflege Alarm. Für sie ist jetzt endgültig klar, dass sich die Behörde mit diesem Fall beschäftigen muss. Sie informiert zunächst nur den Präsidenten Albert Suter, Gerichtspräsident des Bezirks Lenzburg, den Vizepräsidenten Thomas Glarner, gleichzeitig auch Schularzt und Jürg Kehrli, Sozialarbeiter - und Cousin von K.F, um das Problem so diskret wie möglich anzugehen: "Mir ging es um den Schutz der Kinder," sagt sie, "aber auch um ein Hilfsangebot für den Lehrer." Es sei ihr fern gelegen, ihn fertigzumachen, wie man ihr später wiederholt unterstellte.

Sie ahnt zu jenem Zeitpunkt allerdings nicht, was es in Möriken bedeutet, einen Dorfkönig zu attackieren. Der Lehrer ist Spross der Möriker Turnerfamilie, brilliert selber auch als Kunstturner und hat Erfolg als Trainer. Eltern und Schüler lieben den kleinen, lustigen Mann, der trotz seiner dreissig Jahre als "grosser Bub" durchgeht und in dieser Rolle Narrenfreiheit geniesst. "Der Köbi isch halt so", sagen die Möriker, wenn er ihre Kinder wieder mal in den Hintern beisst, und gehen ihrer Wege. Er ist "ein Herzlicher" und mit den Eltern seiner Schüler per du, hält alle drei Monate Elternabende ab, die jeweils, so Psychologin Weber, "zu Festgelagen bis in die Morgenstunden ausarten", und "balgt an den vierzehntäglichen Eltern-Kind-Turnstunden mit einigen Müttern auf Turnmatten herum."

Ruth Ramstein jedoch wahrt Distanz und hält als eine der wenigen am "Sie" gegenüber dem Lehrer fest. Damit fällt sie aus dem Rahmen und hinterlässt einen suspekten Eindruck. Das nimmt sie in Kauf.

Auch wenn sie gewusst hätte, was ihr Vorstoss gegen Köbi F. innerhalb der Schulpflege auslösen würde, hätte sie nicht geschwiegen: "Im Nu war ich isoliert und von Feindseligkeit umgeben." Sie bekommt es mit der Angst zu tun, befürchtet, dass ihre drei schulpflichtigen Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Doch ihre Bitte um Namensschutz ist längst hinfällig. Einzelne Mitglieder der Schulbehörde tragen den Fall gezielt ins Dorf hinaus. Die Botschaft lautet: "Die Ramstein will den Köbi verheizen." Die gesamte Lehrerschaft stellt sich geschlossen hinter den Kollegen und fordert den Rücktritt der Schulpflegerin; die Kindergärtnerinnen verlangen eine neue Kommissionspräsidentin. Wer weiterhin mit ihr verkehre, heisst es, müsse ebenfalls mit der Ächtung des Kollegiums rechnen.

Eisiger Wind von der Lehrerschaft

"Von Stund' an", erinnert sich Ruth Ramstein, "wehte mir von Seiten der Lehrerschaft ein eisiger Wind entgegen." Die Kon-Rektorin Elisabeth Abbassi sagt ihr ins Gesicht, dass sie mit einer wie ihr nie mehr reden werde.

Ihre Familie sei zur Zielscheibe im Dorf geworden. Die Mutter eines Knaben, der zu Köbi F. in die Schule ging, bestätigt: "Wer den Kontakt zu Familie Ramstein nicht abbrach, machte sich im Dorf verdächtig." Sie selber habe erlebt, dass sie auf offener Strasse von einem Mitbürger zurechtgewiesen worden sei, als dieser mitbekam, dass sie Herrn Ramstein duzte.

Köbi F. zeigt an einer privat einberufenen Elternversammlung, die unter Ausschluss von Ramsteins stattfindet, Zeichnungen ihrer Tochter Lisa, um dem Auditorium das "gestörte Körperverhältnis" der Siebenjährigen zu belegen und im Gegensatz dazu seine "Normalität" unter Beweis zu stellen. Die anwesenden Eltern und die Stufenvertreterin der Schulpflege gehen begeistert mit. Ruth Ramstein ist fassungslos, als ihr diese Geschichte hinterbracht wird.

Die Stimmung im Dorf, erinnert sie sich, sei explosiv gewesen: "Ich fühlte mich, als schlage eine Flutwelle über mir zusammen". Kaum ein Mensch schien ihre Empörung über das Verhalten des Lehrers zu teilen. Die nackte Verzweiflung habe sie ergriffen, als sie realisierte, dass nicht eine einzige Person an ihrer Darstellung und Einschätzung des Falles interessiert war: "Fortan stand ich unter Anklage und hatte trotzdem nie Gelegenheit, mich zu rechtfertigen." Die Meinungen seien gemacht gewesen: "Der Scheiterhaufen brannte". Zuguterletzt sei ihr noch der Übername "Bünzhexe" verpasst worden, nach dem Fluss, an dem sie wohnt. Dass sie im Dorf so genannt wurde, erfuhr sie erst vor kurzem und musste darüber lachen: "Für mich verkörpern Hexen etwas Positives", hält sie fest, "Sie sagen doch nichts als die Wahrheit, aber die flösst halt manch einem Angst ein." Aus dem Fall K. F. war über Nacht der Fall Ramstein geworden. Die Aufforderung an sie, inskünftig das Schulhausareal zu meiden, war nur eine logische Folge.

Der Zorn der Eltern

Wenige Tage später richtet dann auch die offizielle Elternversammlung ihren ganzen Zorn gegen Ruth Ramstein und preist gleichzeitig Köbi F. in den höchsten Tönen. Die Stimmung, erinnert sich Ramstein, sei regelrecht hysterisch gewesen. Ein Vater habe gedroht, aus Möriken wegzuziehen, falls dem Lehrer etwas zustosse. Eine Mutter und begeisterte Anhängerin von F. habe erzählt, dass ihre Tochter sich zwar zunächst an dessen "Küsschen" gestört, aber inzwischen problemlos daran "gewöhnt" habe. Die anwesenden Mitglieder der Schulpflege sind zutiefst beeindruckt von der Wucht dieser Sympathiekundgebung. Kritische Stimmen werden überhört. Eigene Bedenken gegenüber K.F., die einzelne Schulpfleger ursprünglich hatten, werden über Bord geworfen. Die Schulbehörde kuscht vor der Meinung der Mehrheit. In einem Brief an die betroffenen Eltern stellt man sich noch am selben Abend gemeinsam mit der Lehrerschaft "geschlossen und mit aller Deutlichkeit hinter Köbi F." Es sei allen bekannt, dass er "ein anerkannt hervorragender Lehrer" sei. Sein Schulstil zeichne sich durch "aufrichtige Herzlichkeit im Umgang mit seinen Schülern aus." Sämtliche Bedenken wegen seines Verhaltens im Unterricht hätten "vollständig ausgeräumt werden" können.

Ruth Ramstein wahrt nach aussen die Haltung, aber innerlich ist sie aufgerieben und verletzt. Anfang 1992 tritt sie als Schulpflegerin zurück, weil sie spürt, dass sie "in diesem Klima des Misstrauens und der Verhetzung" nicht länger arbeiten kann. Sie braucht Zeit, um die Ereignisse der vergangenen Monate zu verarbeiten: "Ich fühlte mich sehr verunsichert," sagt sie, "zweifelte an mir und meiner Wahrnehmung." Bei der Kinderschutzgruppe des Kantonsspitals Baden bittet sie um eine neutrale Einschätzung des Falls. Das Lehrerverhalten, wird ihr beschieden, sei ganz klar als sexueller Übergriff zu bewerten.

Doch Möriken geht zur Tagesordnung über. Die Wogen hätten sich zu jenem Zeitpunkt wieder geglättet, erzählt der amtierende Schulpflegepräsident Thomas Glarner. Das "Problem" Ramstein ist tatsächlich aus der Welt geschafft. Lehrer F. darf bereits im Januar 1992 wieder das Skilager der Unterstufe leiten, in dem er, wie sich später herausstellen wird, erneut eine Schülerin sexuell bedrängt. Doch die Schulpflege hat endgültig genug vom leidigen Thema und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ihr die Psychologin Beatrix Weber in jenen Wochen nochmals eine detaillierte Schilderung von F.s übergriffigem Verhalten in der Badeanstalt unterbreitet. Weber wird mit einem nichtssagenden Dreizeiler abgefertigt.

Einstimmige Wiederwahl

Das ganze Dorf atmet in tiefer Befreiung auf. Die Geranien blühen wie jedes Jahr in den akurat gepflegten Gärten. Auch der Mohr flattert lustig im Wind. Bis eines Tages die Bünz über die Ufer tritt und weite Teile des idyllischen Fleckens überschwemmt. Auch die Schulanlage, in der Köbi F. unterrichtet, steht unter Wasser - ausgerechnet in jenem Jahr, in dem F. von der Schulpflege einstimmig als Lehrer wiedergewählt wird.

Ein Jahr später kündigt F. zur Überraschung des ganzen Dorfes ohne Vorwarnung seine Stelle. Das erscheint merkwürdig; immerhin besitzt er ein stattliches Haus mit einem grossen und kostspielig ausgebauten Trainingsraum, und im Dorf ist er so beliebt wie eh und je. Was ist geschehen? Möriken schweigt beharrlich. Dann sickert durch, die Schulpflege sei froh, dass er das Dorf verlassen habe und sie "das Problem" endlich losgeworden sei. Ruth Ramstein sucht den Gemeindeammann auf, der sie einst als "Rufmörderin" (Weltwoche vom 7. Mai 1997) betitelt hat, um näheres über die Hintergründe des abrupten Abgangs zu erfahren. Doch dieser gibt sich ahnungslos. Bevor sie sein Büro verlässt, warnt Ramstein ihn vor dem Tag, "an dem ein paar Möriker Mädchen alt genug sein werden, um selber zu erzählen, was geschah."

Im April 1997 bricht die Möriker Eiterbeule endlich auf. Drei ehemalige Turnerinnen von Köbi F. packen in den Lokalmedien aus. Sie beschuldigen den Lehrer jahrelanger schwerer sexueller Übergriffe bis hin zum Geschlechtsverkehr. In Möriken versteht man die Welt nicht mehr und setzt sich wieder einmal kollektiv zur Wehr. Was nicht sein kann, darf nicht sein: "Nein, das glaube ich nicht." - "Der K. F. doch nicht. Der hat doch eine Familie", lässt sich die Stimme des Volkes im Lokalfernsehen Tele M1 vernehmen. Albert Suter, der ehemalige Präsident der Schulpflege, zeigt - konfrontiert mit den Fakten - erhebliche Gedächtnislücken. Sein Kollege Glarner siedelt den Fall vorzugsweise in einer "Grauzone" an, will seinerzeit nur "Gerüchte" gehört haben und betont im Radio 24, dass er noch heute der Meinung sei, dass K.F. ein hervorragender Pädagoge gewesen sei.

80 Einvernahmen durch die Polizei

Die Strafuntersuchung, die nun von Amtes wegen eröffnet wird und in deren Verlauf rund achtzig Personen einvernommen werden, fördert nach Aussage des Lenzburger Bezirksamtmannes Walter Sandmeier "gravierende, nicht zu tolerierende Tatbestände" zutage. Zahllose junge Frauen hätten F. zum Teil schwer belastet. Dieser sei grösstenteils geständig. Hatte Ruth Ramstein also doch recht! Waren ihre damaligen Warnungen also mehr als berechtigt! Mit dieser Wende hatten die Möriker nicht gerechnet. Doch unter Dörflern lässt man sich nicht so schnell aus der Fassung bringen.

Nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" unterstellt die damalige Kon-Rektorin Abbassi Ruth Ramstein noch heute, dass sich diese mit ihrem Vorgehen gegen K. F. in erster Linie selber habe profilieren wollen. Das Thema sexueller Missbrauch sei ja damals gross in Mode gekommen. Ramstein ist konsterniert angesichts solcher Äusserungen: "Ist das nicht geschmacklos?"

Selbst jene Schulpflegerin, die Köbi F. derart nahestand, dass sie stets seine Partei ergriff und die Kritikerin Ramstein mit Gehässigkeiten regelrecht überzog, bringt kein Wort der Verständigung über die Lippen. Vielleicht hat die bittere Erkenntnis, dass ihre eigene Tochter zu den Übergriffsopfern gehört, sie verstummen lassen. Als sie das Drama ihres Kindes erfasste, heisst es im Dorf, hätten sie und ihr Ehemann gehandelt. Auf ihre unmissverständliche Intervention hin habe F. die Gemeinde Möriken 1995 praktisch über Nacht verlassen. Dazu, sagt die Mutter, die nach wie vor als Schulpflegerin amtet, gebe sie keinen Kommentar.

Einzig Gemeindeammann Ernst Macchi beweist Stil und entschuldigt sich bei Ruth Ramstein für die jahrelange Ächtung. Das rechnet sie ihm hoch an. Er sei sehr erstaunt, sagt Macchi, dass kein einziger Lehrer, kein einziges Mitglied der siebenköpfigen Schulpflege es für angemessen halte, es ihm gleichzutun. 1991/'92 habe man angesichts des damaligen Wissensstands und der "explosiven Stimmung im Dorf" nicht anders handeln können, beharrt Schulpflegepräsident Thomas Glarner. Die Mehrheit der sexuellen Übergriffe sei sowieso im Rahmen des Satus-Turnvereins vorgefallen, berühre also gar nicht den schulischen Verantwortungsbereich. Und ob "die Schmützli", "das Schössele" und "die Hechtrollen in der Schulstube und Badi", die es "öppe die gä häg", tatsächlich als sexuelle Übergriffe einzustufen seien, wage er noch heute zu bezweifeln. Der Vorwurf, dass K.F. ihm anvertraute Primarschüllerinnen zu sich ins Bett genommen habe, scheint für Glarner nicht mehr zu existieren.

Feuer im Dach

Ruth Ramstein ist empört, wenn sie Glarner bei seinen Auftritten in den Lokalmedien zuhört: "Ist es nicht erbärmlich", fragt sie, "allen anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben und sich selber aus jeder Verantwortung zu stehlen?" Doch unbeirrt geht die Möriker Schulpflege ihren Weg und kandidiert am 26. Oktober erneut für die Wahlen. Sie tut es siegesgewiss und unbeeindruckt davon, dass die Psychologin Beatrix Weber eine Aufsichtbeschwerde gegen das Gremium eingereicht hat und Bezirksamtmann Walter Sandmeier gar eine Strafanzeige, die der Behörde Rufmord, Verleumdung und Amtsgeheimnisverletzung vorwirft, bearbeiten muss. Seitdem Ramstein es gewagt hat, im Lokalfernsehen den sofortigen Rücktritt der sieben Schulpflegemitglieder zu fordern, ist wieder Feuer unter dem Möriker Dorfdach.

Erneut richtet sich der Zorn gegen die kritische Mitbürgerin, der nun "Rachsucht" und "Rechthaberei", erneut aber auch "Profilierungsdrang" und "Mediengeilheit" unterstellt wird. Sie zettle hintenherum eine Schlammschlacht an, heisst es, und wolle nur eins: "Gewinnen".

"Mein Gott", sagt Ruth Ramstein, "haben die es denn immer noch nicht kapiert, dass es in dieser Geschichte nur Verlierer gibt und dass die Kinder die grössten Verlierer sind?"

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© Barbara Lukesch