"Der 'Junkie' ist die Inkarnation des Absturzes"

Drogenpolitik / Februar 1997, "Die Weltwoche"

Symbolbild zum Thema Drogen

Gespräch mit dem deutschen Soziologen Günter Amendt über den drogenpolitischen Status quo.

Seit nahezu 30 Jahren beschäftigt sich der 57jährige deutsche Soziologe und Sexualwissenschaftler Günter Amendt mit dem Thema Drogen. 1972 erschien sein erstes Buch zu diesem Problemkreis: "Sucht Profit Sucht - Zur politischen Ökonomie des Drogenhandels". 1996 veröffentlichte Amendt eine aktualisierte Ausgabe seines jüngsten drogenpolitischen Bandes "Die Droge Der Staat Der Tod - Auf dem Weg in die Drogengesellschaft", in der auch seine jahrelangen Beobachtungen der Schweizer Drogenlandschaft ihren Niederschlag gefunden haben. Im Gespräch mit der "Weltwoche" analysiert Amendt den drogenpolitischen Status Quo.

Günter Amendt, wie sind Sie mit dem Thema Drogen in Berührung gekommen?

Günter Amendt: Bereits in den sechziger Jahren noch als Student habe ich begonnen, mich auf die "Soziologie der Jugend" zu spezialisieren. Dabei bin ich zwangsläufig - das liegt in der Natur des Gegenstands - auf die Themen Drogen und Sexualität gestossen. Seinerzeit galt mein Interesse allerdings den hedonistischen und befreienden Aspekten von Drogen und Sexualität - und nicht den Suchtgefahren.

Inzwischen sind Sie längst zum Sucht- und damit auch Suchtgefahren-Experten geworden. Wie definieren Sie Sucht?

Amendt: Ich verstehe mich als Drogenexperten. Wer sich mit Drogen beschäftigt, darf die Suchtgefahren nicht vernachlässigen, das ist selbstverständlich. Ein Suchtproblem ist immer dann gegeben, wenn der Konsum von Drogen zu einem leidbringenden Zwangsverhalten wird, welches in eine krankmachende körperliche Abhängigkeit führt und zum Verlust der psychischen Autonomie.

In welchem gesellschaftlichen Umfeld findet Sucht ihren besten Nährboden?

Amendt: Innerhalb einer Konsumgesellschaft, deren einziger Sinn es ist, Güter ohne Rücksicht auf deren gesellschaftlichen Nutzen herzustellen. Konsumismus ist ein Kreislauf von nicht stillbaren Bedürfnissen, die nach ständiger Dosissteigerung verlangen. Ständige Dosissteigerung, ohne je Befriedigung zu finden, - das ist Sucht.

Viele unserer Konsumgüter werden bereits in grossem Masse auch von Kindern konsumiert. Womit werden die Kleinsten "angefixt"?

Amendt: Wenn es so etwas wie eine Einstiegsdroge gibt, ist es Zucker in seinen vielfältigen Verarbeitungsformen. Die Ernährungsgewohnheiten von Kindern in den Schulpausen, der Trend zum zuckersüssen Pausensnack ist nach Auffassung von Ernährungswissenschaftlern alarmierend. Dazu kommen noch die einschlägigen Süssgetränke. Vorreiter dieser Entwicklung sind die USA, die - wie es der "Zufall" will - auch der grösste Drogenverbraucher-Markt der Welt sind.

Folgt man Ihrer Analyse, ist nahezu jedes Mitglied einer Konsumgesellschaft auch suchtanfällig. Wozu braucht es dann überhaupt noch die Unterscheidung in legale und illegale Drogen, die gemäss weitverbreiteter Expertenmeinung der reinen Willkür entspringt?

Amendt: Der Kampf gegen illegale Drogen erfüllt eine gesellschaftliche Stabilisierungsfunktion. Er dient, wie Foucault schrieb, der Verherrlichung der normalen und angepassten Menschen. Anders als der 'Junkie' bewegt sich der Alkohol- beziehungsweise Tabakkonsument noch im Normbereich. Der 'Junkie' ist die Inkarnation des Absturzes. Solange man sich von ihm abgrenzen kann, ist die eigene Sucht oder Suchtgefährdung leichter zu ertragen. Damit leistet der 'Junkie' einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Dienst.

Das heisst, Sie rechnen nicht so schnell mit einer Aufhebung der Drogenprohibition?

Amendt: Das Denken in Verbotskategorien nimmt eher zu als ab. Die USA stehen kurz vor einer Nikotinprohibition. Und in öffentlichen Diskussionen - auch in Europa - wird immer häufiger und immer aggressiver nach einer neuerlichen Alkoholprohibition gerufen.

Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Amendt: Es geht um Kontrolle. Das ist eine Gegenbewegung zum globalisierenden Liberalismus und seinen Versprechungen eines zügellosen Konsums. Zumindest in den Köpfen sollen Verbote, Angst und Verunsicherung wieder verankert werden. Da kommt die alte katholische Strategie wieder zum Tragen: Wenn ihr schon konsumiert wie die Idioten, dann tut das aber, bitte schön, mit schlechtem Gewissen.

Mal angenommen, diese prohibitiven Tendenzen würden um sich greifen. Dann dürfte ja wohl die internationale Alkohol- und Tabaklobby auf die Barrikaden steigen?

Amendt: Eine spannende und bisher offene Frage. Der US-Bundesstaat Florida fordert jetzt all jene Gesundheitskosten von der Tabakindustrie zurück, die als Folge des Nikotin-Missbrauchs entstanden sind. Siebzehn weitere Bundesstaaten haben sich der Klage angeschlossen. Auf diesem Weg könnte eine ganze Industrie ausgehebelt werden. Doch dahin dürfte es kaum kommen. Im übrigen realisiert die US-amerikanische Tabakindustrie sowieso ihre grössten Profite ausserhalb der USA. Besonders im Osten Europas verzeichnet sie gigantische Zuwachsraten.

Sprechen wir von den illegalen Drogen. Welche eignet sich am besten dazu, den aktuellen Anforderungen unserer Gesellschaft zu genügen?

Amendt: In einer Zeit der allgemeinen Beschleunigung, die von den meisten Menschen als šberforderung erlebt wird, wächst das Verlangen nach leistungsförderndem Speed, also nach Amphetaminen, Amphetaminderivaten wie Ecstasy und nach Kokain.

Wie gehen denn Jugendliche heutzutage mit diesen Drogen um?

Amendt: Untersuchungen in Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz belegen, dass Jugendliche den Gebrauch bestimmter Drogen als selbstverständlichen Lifestyle-Zubehör betrachten. Entsprechend unbefangen konsumieren sie Drogen, frei von Schuldgefühlen und ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Hinzu kommt, dass ihre Bereitschaft, Risiken in Kauf zu nehmen, gestiegen ist - und zwar dramatisch.

In der Schweiz warnen seit kurzem selbst Legalisierungs-Befürworter wie der Droleg-Initiant Beat Kraushaar vor dem rein konsumistischen Umgang junger Leute mit Drogen. Wie bewerten Sie diese Tendenz?

Amendt: Diese Warnungen sind berechtigt. Eine steigende Zahl von Jugendlichen in der Partydrogen-Szene ist dabei, jedes Mass zu verlieren. Auch wenn sie Drogen wie Ecstasy nehmen, die als eher harmlos zu klassifizieren sind, konsumieren sie zu viel und zu oft von ihrem Stoff und mixen ihn zu häufig mit anderen Stoffen wie beispielsweise Alkohol.

Ecstasy ist eine jener Drogen, an deren Konsum sich die hohe Risikobereitschaft der heutigen Jugendlichen geradezu exemplarisch zeigen lässt.

Amendt: Die Idee vom autonomen Konsumenten, der weiss, was und in welcher Dosierung er es nimmt, hat mit dem Aufkommen von synthetischen Drogen tatsächlich ausgedient. Wer synthetische Drogen konsumiert, ist auf Produktinformationen des Dealers angewiesen. Der aber hat nur ein Interesse - seine Ware zu verkaufen. Meist weiss er nicht einmal selber, was die von ihm angebotenen Pillen enthalten. Will der Kunde Ecstasy, dann ist die Pille im Angebot Ecstasy, verlangt eine Kundin LSD, dann ist dieselbe Pille eben LSD. Erst nachdem die Droge eingeworfen wurde, beginnt die Qualitätsprüfung.

Mit anderen Worten, diese Jugendlichen nehmen ganz bewusst erhebliche Risiken in Kauf.

Amendt: So ist es. In der Welt, die die Jugendlichen vorfinden, ist die Entscheidung, eine synthetische Droge wie Ecstasy zu nehmen, nur eine von vielen Risikoabwägungen im täglichen Umgang mit den Risiken der Chemie. Chemiekritik hat in der Techno-Generation einen niedrigen Stellenwert. Sie schlucken synthetische Drogen und putschen sich zusätzlich mit synthetischen Energy Drinks auf. Auch Synthetik-Klamotten stehen wieder hoch im Kurs.

Welchen Gewinn zieht die Techno-Szene aus dem Konsum von Ecstasy?

Amendt: Ecstasy ist eine Tanzdroge. Der Tanz zu schnellen 'beats' ist ein Merkmal aller Jugendkulturen der Nachkriegszeit. Anders als Jugendliche in den fünfziger und sechziger Jahren, die sich mit einem "Rock around the Clock" am Freitag oder Samstag begnügten, hat das Tanzbedürfnis der Techno-Generation exzessive Züge angenommen. Auf der Suche nach Fun, Fun, Fun, hier und jetzt, ohne Aufschub, lässt man sich von Party zu Party treiben, Wochenende für Wochenende...

... und dabei dient Ecstasy als Treibstoff?

Amendt: Ecstasy ist der Treibstoff für Dauertänzer. Selbst ein jugendlicher Körper hält das nur durch, wenn er sich künstlich stimuliert. Wenn die körpereigene Chemie nicht mehr genügend Energien freisetzt, wird Ecstasy als Freizeitdoping eingesetzt.

Ist Ecstasy immer noch eine reine Partydroge und auf die Techno-Szene beschränkt?

Amendt: Nein, keineswegs. Eine in der BRD veröffentlichte Studie belegt, dass Ecstasy die Techno-Szene längst verlassen und in anderen Jugendcliquen Verbreitung gefunden hat. Darunter auch Neo-Nazigruppen und Skins, wo Amphetamine in Kombination mit Alkoholika besonders populär sind.

Gemäss einer aktuellen Schweizer Untersuchung sollen zudem 94 Prozent der Ecstasy-Konsumenten zusätzlich andere Drogen wie Cannabis, Kokain, Amphetamine, LSD und Heroin konsumieren. Wie bewerten Sie dieses Untersuchungsergebnis?

Amendt: Der von vielen Beobachtern registrierte steigende Mischkonsum ist besorgniserregend, wie auch die Renaissance von LSD als Strassendroge. Wer auf LSD nicht vorbereitet und eingestellt ist, kann von den oft überwältigenden Erfahrungen regelrecht überrollt werden.

Der mässige Konsum von Ecstasy hingegen wird von Drogenexperten, so auch von Ihnen, als eher harmlos eingestuft. Es müsste Sie doch aber beunruhigen, dass sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Aussagen über die Langzeitfolgen des Ecstasy-Konsums machen lassen?

Amendt: Langzeitschäden sind in der Tat nicht auszuschliessen. Doch wer heute einen Sechzehnjährigen vor möglichen hirnorganischen Schäden mit fünfzig bei übermässigem Ecstasykonsum zu warnen versucht, stösst oft nur auf Verwunderung und die Frage: Fünfzig? Was ist mit fünfzig? Ich weiss nicht, ob ich mit zwanzig eine Arbeitsstelle bekomme.

Zur Zeit arbeiten Sie gemeinsam mit dem Schweizer Journalisten und Ecstasy-Experten Patrick Walder an einem Buch über Ecstasy und andere sogenannte Partydrogen. Was hat Sie dazu veranlasst, jetzt ein solches Buch zu schreiben?

Amendt: Nicht zuletzt wegen des zunehmenden Missbrauchs von Ecstasy und anderen sogenannten Partydrogen haben wir das Thema erneut aufgegriffen. Wir wenden uns direkt an die Konsumenten und Konsumentinnen und wollen versuchen, die Spielregeln für all jene noch einmal zu formulieren, die von dem Spiel nicht lassen wollen. Wir wissen beide, wovon wir schreiben. Wir werden nichts dämonisieren, haben nichts zu verbieten und niemandem zu drohen. Vielleicht gelingt es uns gerade deswegen, den einen oder anderen zur Mässigung zu veranlassen.

Mal angenommen, Sie wären kein Buchautor, sondern Politiker. Welche drogenpolitischen Massnahmen würden Sie ergreifen, um das Drogenproblem zu entschärfen?

Amendt: Politiker zu sein, liegt ausserhalb meiner Vorstellungswelt. Ich kann Ihre Frage aber auch so beantworten: Die Drogenprohibition muss beendet werden, Drogen sollten nach dem Modell der Droleg-Initiative kontrolliert und defensiv vermarktet werden.

Wie präsentiert sich Ihrer Meinung nach die Schweizerische Drogenpolitik im internationalen Vergleich?

Amendt: Als eine Insel der drogenpolitischen Vernunft, was Rückschlüsse zulässt auf die Unvernunft, mit der ausserhalb der Schweiz drogenpolitisch gehandelt beziehungsweise nicht gehandelt wird. Mit der medikalisierten Opiatabgabe hat die Schweiz eine europäische Pionierrolle übernommen.

Gleichzeitig wird aber das Drogenproblem hierzulande auch immer wieder in den Dienst parteipolitischer Interessen genommen und damit missbraucht. Der Zürcher Abstimmungskampf um die Opiatabgabe lieferte dazu "bestes" Anschauungsmaterial.

Amendt: Das ist eine Entwicklung, die nicht nur in der Schweiz zu beobachten ist. šberall, wo rechtspopulistische Parteien und Bewegungen an Einfluss gewinnen, werden autoritäre Lösungskonzepte propagiert. Drogenpolitik eignet sich bestens als Vehikel für Law und Order-Parolen. Nur schon die Tatsache, dass die Kleindealer am Endverbraucher-Markt fast überall in Westeuropa erkennbar Ausländer sind, verführt dazu, das sogenannte Ausländerproblem mit dem sogenannten Drogenproblem zu verknüpfen.

Seit vielen Jahren liegen Sie mit Ihren drogenpolitischen Prognosen richtig. Haben Sie eigentlich jemals eine krasse Fehlprognose abgegeben?

Amendt: Nein. Aber ich halte das ganz und gar nicht für sensationell, sondern für einen Beweis der Tatsache, dass der Drogenmarkt den Gesetzmässigkeiten der Kapitalverwertung folgt und damit auch prognostizierbar ist.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Schon vor etlicher Zeit haben Sie vorausgesagt, dass die Pharmaindustrie eines Tages wieder in den "Drogenmarkt" einsteigen wird. Haben die "Pharma-Riesen" Ihre Prognose bestätigt?

Amendt: In der Drogenszene spielten Pharmaprodukte als Ersatzdrogen bei Heroinmangel von Anfang an eine wichtige Rolle. Mit Methadon als Substitutionsdroge hat die Pharmaindustrie ein weiteres Stück des Rauschdrogenmarktes erobert. Dabei geht es weniger um den reinen Profit als um die Botschaft an alle, dass die Pharmaindustrie praktisch für jedes Problem eine pharmakologische Lösung bereit hält. Oder: Seitdem die Bereitschaft wächst, Cannabis an Aidspatienten und Krebskranke medizinisch zu verordnen, drängen Pharmafirmen mit synthetischem Cannabis auf den Markt, wo es doch genügen würde, auf die Agrarprodukte aus Kolumbien oder Nordafrika zurückzugreifen.

Aktuell sagen Sie voraus, dass das Festhalten an der Drogenprohibition als eine der schwerwiegendsten politischen Fehlentscheidungen in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden wird. Was hätte sich verhindern lassen, wenn man bereits in den neunziger Jahren die Prohibition aufgehoben hätte?

Amendt: Es wäre nicht nur der illegale Markt für Heroin und Kokain zusammengebrochen; es hätte auch der Aufbau einer neuen Angebots-Front aus dem Osten Europas und den südlichen GUS-Republiken verhindert werden können.

Wann wird denn nun - gemäss Ihrer Einschätzung - endgültig mit der Drogenprohibition Schluss gemacht?

Amendt: Wenn sich herausstellt, wie Emilie Lieberherr und Beat Kraushaar in ihrem Buch "Drogenland in Mafiahand" schreiben, dass "die Durchsetzung des Betäubungsmittelgesetzes mit repressiven Mitteln nicht länger finanzierbar ist.

Betrachten Sie das Thema Drogen auch unter einem moralischen Gesichtspunkt?

Amendt: Zwangsläufig. Denn die herrschende Drogenpolitik bezieht ihre Legitimation aus einer vermeintlich höheren Moral. Wer sich mit dieser gescheiterten Politik auseinandersetzt, kommt an einer Auseinandersetzung mit den eigenen moralischen Werten nicht vorbei.

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© Barbara Lukesch