Schutzpatron der Ungeborenen

Nulltoleranz bei Schwangerschaftsabbruch / 21. Februar 2002, "Weltwoche"

Symbolbild zum Thema Gynäkologie

Nidwalden rühmt sich gern, der Kanton mit den meisten Luftseilbahnen der Schweiz zu sein. Weniger Aufhebens macht man am Fusse des Stanserhorns um einen ganz andern Superlativ: Nidwalden ist auch der letzte Kanton, auf dessen Territorium keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Die Frauen aus Stans, Beckenried oder Hergiswil sehen sich in einer Notlage nach wie vor gezwungen, in einem Spital oder in einer Arztpraxis in Luzern, Zürich, Basel oder Olten um Hilfe nach zu suchen.

Rund ein Dutzend Nidwaldnerinnen liessen im vergangenen Jahr in einer ausserkantonalen Klinik abtreiben, vermutet Kantonsarzt Hans Galliker. Die Zahl der ambulanten Eingriffe entzieht sich seiner Kenntnis, doch müsste sie nach Einschätzung von Fachleuten etwa doppelt bis dreimal so hoch sein. In der offiziellen Abbruchs-Statistik, die nur die kantonseigenen Interruptionen erfasst, steht Nidwalden mit einer blütenweissen Null da, die es allein seinem Abtreibungstourismus verdankt.

Weshalb dieser Spagat?, fragt man sich irritiert. Warum diese Verlogenheit und Doppelmoral in einer Zeit, in der sich in der Schweiz die Abbruchspraxis trotz restriktiven Gesetzen weitgehend liberalisiert hat und die Befürworterinnen der Fristenlösung der nächsten Abstimmung so zuversichtlich wie nie entgegenblicken? «Die Zeit ist mehr als reif, das überkommene Gesetz der liberalen Praxis anzupassen», sagt Anne-Marie Rey von der Schweizerischen Vereinigung für die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs SVSS. Am 2. Juni entscheidet das Volk an der Urne.

Nur Nidwalden steht abseits

Selbst die katholische Innerschweiz hat ihren Widerstand inzwischen aufgegeben: Uri, Obwalden, Zug und Schwyz ermöglichen ihren Bürgerinnen seit einigen Jahren den Abbruch innerhalb der Kantonsgrenzen, weil fortschrittliche Gesundheitsdirektionen und Chefärzte die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihren Patientinnen nicht länger einen Teil der gynäkologischen Grundversorgung verweigern mögen. Selbst im Kantonsspital Appenzell hat der aufgeschlossene Chefgynäkologe Ekkehard Steuble trotz Widerstand des Pflegepersonals schon die eine oder andere Abtreibung durchgeführt. Einzig Nidwalden steht noch immer abseits.

Dabei gibt es im Kanton mit seinen 35'000 Einwohnern viele Frauen und Männer, die diese Haltung als «hochproblematisch» oder gar «hanebüchen» empfinden. Regula Wirsch, Chefin des Sozialamts, bedauert, dass der herrschende Zustand das «hinterwäldlerische Image unseres Kantons zementiert». Auch innerhalb der Ärzteschaft ist das ungelöste Thema Schwangerschaftsabbruch ein ärgerlicher Dauerbrenner, der immer wieder für hitzige Diskussionen sorgt. Selbst die Präsidentin der CVP-Frauen, Rahel Jacob-Keller, hält den Moment für gekommen, die Fristenlösung, kombiniert mit einer freiwilligen Beratung, zu legalisieren. Vor allem die jungen Nidwaldnerinnen fühlen sich diskriminiert und um eine Dienstleistung gebracht, die ihnen ihr Kanton eigentlich offerieren müsste. Warum also hält Nidwalden trotz verbreitetem Unbehagen an seiner unzeitgemässen Regelung fest?

Die Antwort hat einen Namen: Rudolf Ehmann. Der Chefarzt «Gynäkologie und Geburtshilfe» am Kantonsspital Stans ist der unumschränkte Herrscher über sämtliche gynäkologischen Spitalbetten in Nidwalden. Er ist ein radikaler Gegner jeglichen Schwangerschaftsabbruchs. Sogar von Pille und Spirale will Ehmann nichts wissen, da er sie für frühabtreibende Methoden der Empfängnisverhütung hält. Der Sechzigjährige, Mitglied der «Vereinigung katholischer Ärzte» und Gründungspräsident des «Ja zum Leben»-Pendants «Human Life International» wirft in Vorträgen mit Horrorszenarien um sich, die Angst einflössen. Mal sagt er, mit der Abtreibung halte «die perfektionierte Tötung ungeborener Kinder zunehmend Einzug in unsere Gesellschaft mit der Folge eines wahren Holocausts Ungeborener.» Dann wieder behauptet er, dass «ausgerechnet in den Ländern, welche die moderne Kontrazeption im grossen Stil akzeptierten, die Abtreibunsgzahlen im gleichen Zeitraum nicht ab-, sondern massiv zunahmen.»

Chefarzt fürchtet moralischen Zerfall

Dieser Aussage widerspricht nahezu die gesamte Fachwelt. Das amerikanische Alan Guttmacher-Institute beispielsweise konstatiert unter Bezugnahme auf eine Studie: «Empfängnisverhütung reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs um 85 Prozent.» Mitunter konstruiert Ehmann derart abstruse Zusammenhänge, dass einem vom blossen Zuhören schwindlig wird: «Verhütung geht heute soweit, dass gleichgeschlechtliche Liebe gefördert wird, da es sich dabei um nicht-reproduktive Sexualität handelt.»

Ganz offensichtlich fürchtet der Chefarzt um die abendländische Kultur. Pornographie, Pille und Sexualerziehung, so glaubt er, treiben die Gesellschaft in den moralischen Zerfall. Da ist ein papsttreuer Kämpfer für Sitte, Ehe und Fortpflanzung um jeden Preis am Werk, da ficht ein Mann mit Verve gegen sexuelle Lust und sogenannte Libertinage, ein Ewiggestriger also, der seinen Zenith, so möchte man meinen, doch eigentlich überschritten haben müsste.

Nicht so in Nidwalden. Ehmann wurde Mitte der achtziger Jahre ausdrücklich auch wegen seiner restriktiven Haltung zum Schwangerschaftsabbruch vom Nidwaldner Landrat zum Chefarzt gewählt und wird diese Funktion allem gesellschaftlichen Wandel zum Trotz zumindest in der nahen Zukunft auch beibehalten. Da kann Balz Wolfisberg, Allgemeinpraktiker in Stans, noch lange klagen: «Ein fundamentalistischer Katholik wie Ehmann gehört nicht auf den Chefposten eines Kantonsspitals, das einen Leistungsauftrag gegenüber der gesamten Bevölkerung zu erfüllen hat.»

Doch in Nidwalden mag es derzeit niemand mit Ehmann aufnehmen. Keiner will sich am delikaten Abtreibungsverbot die Finger verbrennen. Die Regierung ist dank einem neuen Spitalgesetz aus der personellen Verantwortung entlassen und spielt den schwarzen Peter eilfertig dem nun zuständigen Spitalrat zu. Dessen Präsident wiederum hüllt sich wortreich in Schweigen und will nichts zur vielerorts geforderten Entlassung Ehmanns sagen.

Man dürfe Ehmann, so heisst es, nicht unterschätzen. Der Frauenarzt, der als tüchtiger Operateur, guter Geburtshelfer und aufmerksamer Gesprächspartner gilt, könne auch heute noch auf eine beträchtliche Anhängerschaft zählen und habe vor allem unter den älteren Frauen aus den Tälern und von den Bergen treue Patientinnen, die «den Doktor Ehmann in den Himmel heben». Dass deren Zahl immer kleiner wird und auch deren medizinische Bedeutung für die gynäkologische Abteilung abnimmt, liegt in der Natur der Sache.

Frauen bestreiken Kantonsspital Stans

Seit gut einem Jahr beklagt das Kantonsspital Stans nun allerdings auch eine deutliche Abnahme der Geburtenzahlen. Der Hauptgrund für die rückläufige Auslastung liegt darin, dass immer mehr Nidwaldnerinnen ihre Kinder statt im Kantonsspital im Stanser Geburtshaus «Arco» zur Welt bringen, das von drei modern eingestellten Hebammen geführt wird. «Unsere Patientinnen schätzen es, ihre Geburten auf selbstbestimmte und natürliche Art in einer persönlichen Atmosphäre zu gestalten», sagt Doris Lüthi.

Da stellt sich die Frage, warum es der links-grüne Gesundheitsdirektor Leo Odermatt in seiner vierjährigen Amtszeit nicht geschafft hat, das Problem des Schwangerschaftsabbruchs zu lösen oder zumindest eine Möglichkeit zur Abtreibung auf Kantonsboden anzubieten. Im Gespräch mit der «Weltwoche» räumt der Regierungsrat vorerst ein, dass hier tatsächlich eine Lücke klaffe. Doch habe er nicht gleichzeitig in alle Wespennester stechen wollen, andere Prioritäten gesetzt und zuerst die Chirurgie- und Psychiatrie-Abteilung im Spital umstrukturiert. Nach Lektüre seiner Zitate will Odermatt plötzlich nichts mehr mit diesem Artikel zu tun haben. Mitten im Wahlkampf lieben es die Politiker eben nicht, auf Versäumnisse angesprochen zu werden.

Ausserdem eröffnet ein Blick auf den ebenso konservativ-katholischen Nachbarkanton Obwalden, dass dort die Frage der Abtreibung dank dem Einsatz einer couragierten Gesundheitsdirektorin und der Anstellung einer fortschrittlichen Gynäkologie-Oberärztin im Kantonsspital auf zeitgemässe Art angepackt und gelöst wird. Das Obwaldner Spitalgesetz definiert einen Leistungsauftrag, der «Interventionen bei Schwangerschafts-Erstehungsunfähigkeit» vorsieht.

Exodus von Ärzten und Hebammen

Auch in Nidwalden könnte man heute weiter sein, zumal Chefarzt Ehmann in den letzten Jahren genügend Angriffsfläche bot, die man für einen Schnitt hätte nützen können. So kam es zu zahlreichen Abgängen von Ärzten und Hebammen in Ehmanns Abteilung, die sich vor allem mit dem Führungsstil des Chefs erklären. «Es ist unmöglich, mit einem Vorgesetzten wie ihm zusammenzuarbeiten», sagt ein Betroffener. Dann folgte ein Konflikt mit der allzu eigenständigen Hebamme Irmgard Hummler, die von Ehmann fristlos entlassen wurde, was sie sich aber nicht gefallen liess. Die Fachfrau prozessierte erfolgreich - der Kanton musste ihr rund 20'000 Franken zahlen - und gründete anschliessend ihr privates Geburtshaus «Arco». Ehmann jedoch blieb im Amt.

Mittlerweile scheint sich Gesundheitsdirektor Odermatt dafür entschieden zu haben, die Altlast Ehmann auszusitzen. Verschiedene Entwicklungen begünstigen dieses Vorhaben. So wird die Fusion der Spitäler Stans und Sarnen, die in zwei Jahren vollzogen sein soll, auch einen personellen Wechsel auf der Ebene der Chefärzte unumgänglich machen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Obwalden den restriktiven Ehmann niemals akzeptieren würde; sein Abgang ist also praktisch programmiert. Kommt hinzu, dass die Annahme der Fristenlösung auf eidgenössischer Ebene auch Odermatt dazu zwingen würde, Farbe zu bekennen: Nidwalden, verspricht er, werde das Gesetz selbstverständlich umsetzen und spätestens dann die Auseinandersetzung um den Schwangerschaftsabbruch führen.

Absurder Hindernislauf

Bis es soweit ist, lassen sich die Nidwaldnerinnen weiterhin an der Schwangerschafts- und Familienplanungsstelle in Luzern beraten, die von ihrem Heimatkanton mit bescheidenen 17'000 Franken pro Jahr mitfinanziert wird. Oder sie werden von ihren Hausärzten, darunter auch Kantonsarzt Galliker, nach Olten oder Zürich verwiesen, es sei denn, sie wenden sich selber an das Kantonsspital Uri in Altdorf. Dort wird zwar der Abbruch in der gynäkologischen Abteilung durchgeführt, doch schickt man die Frauen vorher mangels Urner Gutachter zum Nidwaldner Psychiater Armin Walter zurück, der diese Dienstleistung für «einen selbstverständlichen Bestandteil» seiner beruflichen Tätigkeit hält. Als wäre diese interkantonale Tour nicht Realsatire genug, ist Walters Privatpraxis auch noch in den Räumlichkeiten des Kantonsspitals Stans untergebracht, nur ein paar Schritte von Ehmanns Wirkungsfeld entfernt.

Dass solche Zustände nicht befriedigen, steht für Gabriela Müller, bis vor kurzem Mitarbeiterin der Luzerner Beratungsstelle, ausser Frage: «Es ist nicht förderlich für den Verarbeitungsprozess der Betroffenen, wenn sie zum Abbruch in einen anderen Kanton abgeschoben werden.» Für Migrantinnen, die nicht gut Deutsch sprechen und sich vielfach in einer besonders schwierigen Lebenslage befänden, sei der Zwang zu einem solchen Hindernislauf gar «eine regelrechte Zumutung».

Gegner der Abstimmungsvorlage argumentieren, Aufgabe eines verantwortungsvollen Staates sei es nicht, Müttern in Not zur Abtreibung zu verhelfen. Vielmehr müsse er ihnen fürsorglich unter die Arme greifen. Aber auch diesbezüglich steht Nidwalden im Abseits. Eine einzige Kinderkrippe, das «Chinderhuus» in Stans, muss die Bedürfnisse des ganzen Kantons abdecken. Es mangelt an Kinderzulagen, die diesen Namen verdienen. Und eine finanzielle Mutterschaftsbeihilfe, wie sie beispielsweise in Luzern, aber auch andernorts längst eingeführt ist (und im Gegensatz zu den Sozialhilfebeiträgen nicht zurückerstattet werden muss), fehlt am Fusse des prächtigen Stanserhornes ganz. Zerknirscht gesteht die Sozialamtschefin Wirsch: «Da besteht ein Widersspruch.»

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© Barbara Lukesch