Anita Fetz zieht es nach Bern

Politszene / 1996, "Die Weltwoche"

Symbolbild Thema Porträts

Die ehemalige Poch-Nationalrätin und Feministin Anita Fetz will zurück auf die politische Bühne.

Schnell ist sie mit ihrem Tischnachbarn in ein Gespräch verwickelt und diskutiert mit ihm über die Fragwürdigkeit einer Institution, die Frauen weder als Ministrantinnen, was sie einst werden wollte, noch als Priesterinnen in ihren Reihen willkommen heisse. Sie sei Atheistin, sagt Anita Fetz, und die Kirche für sie bedeutungslos: "Wer mich ausschliesst, dem kehre ich den Rücken."

Die Basler Alt-Nationalrätin beherrscht das Politisieren am Beizentisch nach wie vor. Geistesgegenwärtig gibt sie zurück, hält das Niveau bei feineren, aber auch gröberen Sticheleien und schenkt dem Mitbürger, der die "schöne Politikerin", wie er sie nennt, mit seinen Blicken verschlingt, freundliche Aufmerksamkeit.

"Politik", sagt ihr langjähriger Partner, "ist ein zentraler Bestandteil von Anitas Leben". Es sei für sie unvorstellbar, erklärt sie selber, "nicht politisch zu denken und zu handeln". Auch in den letzten Jahren, in denen sie weder ein parlamentarisches Amt bekleidete noch einer Partei angehörte, habe sie weiterhin am politischen Leben teilgenommen. So ist sie zum Beispiel Mitglied des Stiftungsrates von Greenpeace Schweiz und regelmässig an Podiumsdiskussionen und anderen öffentlichen Veranstaltungen in der gesamten Deutschschweiz vertreten.

Angekündigte Rückkehr

Und jetzt will Anita Fetz auch auf die offizielle politische Bühne zurück. Als Mitglied der SP Basel kandidiert sie im Herbst im Rahmen der Gesamterneuerungswahl für den Grossen Rat, das kantonale Parlament. Die Parteibasis nominierte sie mit der zweitbesten Stimmenzahl und gab damit ihrer Überzeugung Ausdruck, dass "die Quereinsteigerin mit dem guten Namen" - wie ein Szenenkenner sie bezeichnet - einen sicheren Wert darstelle.

Schon 1990, als das damalige Poch-Mitglied seinen für viele überraschenden vorzeitigen Rücktritt aus dem Nationalrat gegeben hatte, hatte sie angekündigt, dass sie sich womöglich eines Tages, spätestens aber als Graue Pantherin zurückmelden werde. Die Wahl von Ruth Dreifuss zur Bundesrätin und die damit einhergehende Neubelebung der Frauenbewegung hatten sie bereits 1993 aufgerüttelt, tief berührt und für die SPS eingenommen. Doch in jener Zeit war sie noch zu sehr mit der beruflichen Arbeit in ihrer Beratungsfirma "Femmedia" beschäftigt, als dass sie ernsthaft an eine Rückkehr in die Politik gedacht hätte. Noch im letzten Herbst, als sie in Basel von verschiedener Seite als "linke Regierungsratskandidatin mit ausgezeichneten Wahlchancen" ins Gespräch gebracht wurde, entschied sie unter grossem äusserem, aber auch innerem Druck, dass es eine solch einschneidende Veränderung ihres Lebens zu jenem Zeitpunkt nicht vertrage. Dass eines späteren Tages durchaus auch ein Exekutivamt für sie in Frage kommen könne, hält sie für denkbar.

In diesem Jahr wagt sie zunächst den Sprung in das ihr vertraute parlamentarische Terrain. Mitte bis Ende der achtziger Jahre war sie bereits einmal Mitglied des Grossen Rats des Kantons Basel-Stadt und gleichzeitig Nationalrätin. Obwohl etliche ihrer damaligen Genossen Zweifel hegten, ob es einer 27jährigen gelingen würde, den nationalen Sitz auszufüllen und zu halten, schaffte sie beides.

Sie hatte es nicht leicht, in die Fussstapfen ihrer Vorgängerin Ruth Mascarin zu treten, die als Ärztin über einen besonderen Bonus verfügte. Doch innert Kürze war Anita Fetz - nicht zuletzt dank ihres "Showtalents und ihrer darstellerischen Begabung" (SP-Nationalrat Helmut Hubacher) - eine beachtete und bekannte Parlamentarierin. Ihre Jugend und ihr attraktives Aussehen gepaart mit den von ihr aufgegriffenen Themen wie Atomenergie, Gleichstellung und Drogen und ihrem angriffigen Debattierstil sorgten dafür, dass sie zur Nationalrätin mit hoher Medienpräsenz wurde. Selten hat eine Politikerin so viele Etiketten verpasst bekommen wie "die Hoffnungsträgerin für Frauen", "Miss Poch", die "Frauenpolitikerin für Linke" oder "die hübscheste Nationalrätin".

Erwartungen waren belastend

Den vielen damit verbundenen Erwartungen gerecht zu werden, empfand sie häufig als belastend. Oftmals fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen ihrer Partei oder Wählerschaft und ihren eigenen Bedürfnissen. Gleichzeitig arbeitete sie in jenen Jahren während sieben Tagen pro Woche wie eine Besessene, erlebte den politischen Alltag als "ungeheuer anstrengend" und war damit beschäftigt, ihre Firma "Femmedia" aufzubauen. Das Etikett "Workaholic" sass.

Wenn sie sich jetzt erneut der Doppelbelastung von Beruf und Politik aussetzt, ist ihre Ausgangslage um einiges komfortabler. Inzwischen ist sie knapp vierzig Jahre alt und Mitbesitzerin eines kleinen Unternehmens, das Betriebe und Organisationen im Hinblick auf Personalentwicklung und Chancengleichheits-Massnahmen berät. Ihre Firma, sagt sie, laufe sehr gut. Sollte sie im Herbst als Grossrätin gewählt werden, würde sie sich denn auch den Luxus leisten, ihren beruflichen Einsatz auf achtzig Prozent zu reduzieren. Trotzdem wird sie auch ihr politisches Engagement dosieren und "auf keinen Fall wieder so viel Zeit investieren" wie früher.

Sie verfügt über mehr Kompetenz und Wissen als seinerzeit, ist sicherer im Auftritt, kennt ihre Stärken sehr genau, weiss, dass sie gut reden und kommunizieren kann, dass sie "authentisch rüberkommt" und sehr schnell den Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen findet. Nicht zuletzt dank ihrer Beratungstätigkeit beherrscht sie Instrumente wie Gesprächsführung oder Konfliktbewältigung, die ihr auch im Politalltag nützen werden. Gleichzeitig ist sie eine gewiefte Kennerin des hiesigen Politsystems und verfügt mit dieser Kombination über einen Vorteil, den nur wenige aufzuweisen haben.

Aus der einstigen Kaiseraugst-Besetzerin, die mitunter "naiv, aber voller Inbrunst gegen die Missstände dieser Welt" anrannte und aus Zorn über "die vielen Ungerechtigkeiten" politisch aktiv geworden war, ist inzwischen eine sehr viel gelassenere Realpolitikerin geworden, die sich heute "eher als lösungs- statt angriffs-orientiert" bezeichnet. Statt sich wie früher zu überlegen, mit wem sie die Klingen kreuzen wolle, frage sie sich heute primär, mit wem es sich lohne, zusammenzusitzen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten. Die wirtschaftliche Situation, sagt die Unternehmerin, sei dermassen schwierig, dass es gemeinsames Handeln im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Stellenabbau brauche.

Neue, gemässigtere Töne

Anita Fetz '96. Das sind neue Töne, gemässigtere, behutsamere vielleicht auch, Aussagen einer SP-Politikerin eben. Doch mit altem Elan und bewährter Eloquenz wehrt sie sich dagegen, fortan als angepasst abgestempelt zu werden. Realistischer und pragmatischer als früher, aber alles andere als resigniert kehre sie in die politische Arena zurück. Sie gelte nach wie vor als "frech und direkt", sage immer noch, was sie denke, und habe sich insbesondere eine Eigenschaft, nämlich ihren Optimismus, bewahrt, den sie nicht zuletzt dank ihrem langjährigen, von Erfolg gekrönten Kampf gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst gewonnen habe.

Damals habe sie gelernt, dass sie "als einzelne, verbunden mit anderen, etwas in der Politik beeinflussen und verändern" könne. Mit Befriedigung nimmt sie denn auch zur Kenntnis, dass das Gleichstellungsgesetz, zu dem sie vor genau zehn Jahren mit einer parlamentarischen Initiative einen ersten Anstoss gegeben hatte, in diesem Sommer in Kraft getreten ist. Erfreut hat sie auch verfolgt, dass die hiesige Drogenpolitik je länger je mehr all jenen Forderungen genügt, die sie bereits 1986 als Nationalrätin aufgestellt hatte.

Ihre SP-Mitgliedschaft begründet sie mit dem für sie überzeugenden sozialdemokratischen Wirtschaftsprogramm und ihrem Wunsch, "einer Partei mit Regierungsverantwortung" anzugehören. Das Wort "Macht" geht ihr lockerer als in alten Poch-Tagen über die Lippe. Für SPS-Präsident Peter Bodenmann war es schon lange klar, dass Anita Fetz als "Linke mit einem kräftigen Schuss an politischem Realitätssinn und geringer Ideologisierung eines Tages den Weg in die SP finden wird."

Nun will die Baslerin mit dem Heimatort Domat-Ems - ("das einzige, was mich mit Christoph Blocher verbindet") - also wieder vermehrt mitbestimmen. Ihr altes Credo, dass sie entweder selber Politik machen oder zulassen müsse, dass mit ihr Politik gemacht werde, hat nichts an Gültigkeit für sie verloren. Sie ist zudem eine, die das Leben an seinen sich gegenseitig befruchtenden Schnittstellen, aber auch Gratwanderungen auf den Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen mag. So hält sie es für eine spannende Herausforderung, dass Greenpeace Mitglied des Vorbereitungskommitees für die Olympischen Sommerspiele in Sydney geworden ist und damit die Chance hat, Einfluss auf die Gestaltung einer solchen Monsterveranstaltung zu nehmen. Gleichzeitig weiss sie aber auch um die Gefahr, auf diese Art vereinnahmt und seiner kritischen Substanz beraubt zu werden.

Flair für Luxus

Anita Fetz ist - entgegen aller Etikettierungen, die dazu dienten, die Vielschichtige zu schubladisieren - schwer einzuordnen. Stromlinienförmigkeit war nie ihr Ding, selbst wenn sie damit immer wieder Frauen, Freunde oder Genossen vor den Kopf stiess. Sie ist eine Linke und wurde Unternehmerin. Sie ist Feministin und soll schon während ihrer Schulzeit sehr chic und mit einem Flair für Luxus gekleidet gewesen sein. Ein Szenenkenner ordnet sie eher dem Typ "italienische Feministin" zu, der der "Mief und das Moralin der hiesigen Frauenbewegung" abgeht. Sie galt auch dem politischen Gegner - insbesondere männlichen Geschlechts - gern als "g'mögig und angenehm" und brandmarkte doch gleichzeitig die Atompolitik anlässlich der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im Nationalrat derart scharf, dass ein Ratskollege wutentbrannt auf sie losstürzte und ihr eine Ohrfeige verpassen wollte. Diese Episode liess sie unberührt.

Sie steht auf der Sonnenseite des Lebens, soviel ist klar. Ein Kollege bezeichnet sie unumwunden als "von der Natur in jeder Hinsicht reich beschenkt." Sie hat Erfolg im Beruf und feiert diesen Herbst das zehnjährige Jubiläum ihres Unternehmens "Femmedia". Stolz kann sie auf die Ergebnisse einer erstmaligen Kundenbefragung blicken, die ihren Dienstleistungsprodukten "hohe Qualität" attestiert. Sie ist eine gefragte Vortragsrednerin und wird als Politikerin regelrecht umworben. Was will sie mehr?

Bei soviel Erfolg ist der Neid meist nicht weit. Natürlich, heisst es, gebe es bei einzelnen Genossen und Genossinnen Gefühle von Missgunst und Rivalität, dass sie, ohne die erforderliche Knochenarbeit innerhalb der Partei geleistet zu haben, dermassen rasch zur SP-Kandidatin aufgestiegen sei.

Schweigen – und kandidieren

Ähnliche Vorbehalte wurden auch laut, als sich Helmut Hubacher, der Vizepräsident des Verwaltungsrats von Coop Basel ist und Ende Jahr altershalber zurücktritt, dafür stark machte, dass Anita Fetz seine Nachfolgerin werden solle. Ob denn tatsächlich jemand "von aussen" diesen einflussreichen Posten übernehmen solle, wurde gefragt. Und dazu noch eine ehemalige "Pöchlerin". Hubacher trat vehement für seine Wunschkandidatin ein und im Rahmen einer Kampfwahl gegen vier Konkurrenten und Konkurrentinnen wurde sie innerhalb der SP-Gewerkschafts-Fraktion gewählt und ist damit nominiert. Das Mandat hat es in sich. Immerhin handelt es sich bei Coop Basel um ein Unternehmen, das 1,2 Milliarden Franken jährlich umsetzt und gleichzeitig einer tiefgreifenden Restrukturierung unterzogen wird. Und ab 1999 stellt die SP sogar das Verwaltungsrats-Präsidium. Anita Fetz schweigt dazu - und kandidiert.

Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagt der Volksmund. Fetz gesteht selber, dass sie angesichts ihres hohen eigenen Grundtempos grosse Mühe habe, bei gemächlicherer Gangart ihr Interesse an einer anderen Person oder einer Sache aufrechtzuerhalten. Zuweilen taucht auch der Vorwurf auf, sie neige zum gezielten Einsatz ihrer "weiblichen Reize." Da fragen sich manche, wie sie ihren feministischen Ansatz mit "derart traditionellen Methoden" unter einen Hut bringe.

Die Auseinandersetzung um ihr attraktives Äusseres begleitet Anita Fetz seit jeher. Früher sagte sie - politisch korrekt - sie habe Angst, in die Barbie-Ecke der Ahnungslosen und Dummen abgedrängt zu werden. Inzwischen hat sie "ein lockeres, geradezu pragmatisches Verhältnis zu diesem Thema bekommen." Und sowieso - kenne sie ihren Leistungsausweis und wisse, dass viele ihrer Erfolge hart erarbeitet seien.

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© Barbara Lukesch