Sonja A. Buholzer - Hohepriesterin der Frauenpower

Medienpräsenz / 5. Oktober 2000, "Die Weltwoche"

Symbolbild Thema Porträts

Seit sechs Jahren besitzt Sonja A. Buholzer, 40, ihre eigene Firma. In Anlehnung an die altrömischen Hohepriesterinnen hat sie ihr den Namen Vestalia Vision gegeben. Die weisen Frauen, Vestalinnen genannt, waren hohen ethischen Grundsätzen verpflichtet. Buholzer ist zum eigentlichen Shooting-Star unter den hiesigen Unternehmensberaterinnen und Seminarveranstalterinnen aufgestiegen. Ihre mediale Präsenz ist atemberaubend. Via «Tages-Anzeiger» lanciert sie ihre Powerabende und Spezial-Frauenpowertage. Ein ähnliches Angebot verbreitet sie über die Wirtschaftszeitung «Cash». In der «Handelszeitung», im Tamedia-Stellenanzeiger «Alpha» und in «Bilanz online» publiziert sie regelmässig Kolumnen. Buholzer tritt zudem am Fernsehen auf, im «Sonntalk» von «Tele 24».

Die Zürcher Unternehmerin funktioniert wie eine gut geölte Marketing-Maschine. Es ist ihr gelungen, sich zum richtigen Zeitpunkt als Heilsbringerin und Förderin aller Frauen zu verkaufen, die sich nach mehr Power und Erfolgen sehnen. Das Erfolgsgeheimnis als Frau umschreibt Buholzer in ihrem Buch «Frauenzeit» selbstbewusst: «Ich bin transparent, sehr selbstkritisch und halte, was ich verspreche.» Doch damit nicht genug: Gemäss eigener Aussage gehört sie «zu den erfolgreichsten Management-Trainerinnen und Wirtschaftsreferentinnen Europas». Zu ihren Kunden zählt sie «namhafte Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik» sowie «grosse Konzerne». Auf ihrer Homepage und in Prospekten zitiert Buholzer die «Neue Zürcher Zeitung» mit der Aussage: «Sonja Buholzer ist eine der erfolgreichsten Management-Trainerinnen der Welt.» Allerdings lässt sich dieses Zitat in der Schweizerischen Mediendatenbank partout nicht finden. Das deutsche «Managermagazin» setzte kürzlich noch einen drauf: «Wahrscheinlich gehört Sonja Buholzer zu den weltbesten Frauen-Coachs.»

Prominente Kundschaft

Bei näherer Betrachtung weist die beeindruckende Fassade, die die blonde Powerfrau errichtet hat, Risse auf. So bezeichnet Buholzer auf ihrer Homepage, in Prospekten oder auf dem Umschlag ihres Buches «Frauenzeit» bekannte Firmen wie SAir Group, Procter & Gamble oder Swiss Re explizit als ihre Kunden. Auf dem Buch-Cover erweckt sie den Eindruck, zur hochkarätigen Kundschaft bestünden nachhaltige Geschäftsbeziehungen. Nur: Bei der SAir Group war Buholzer vor zwei Jahren einen Nachmittag lang im Einsatz - sie hielt einen Vortrag. «Diesen Kontakt als Schulung von Konzernangehörigen hinzustellen, entbehrt jeglicher Grundlage», sagt Kommunikationschefin Béatrice Tschanz. Für Procter & Gamble war Buholzer dieses Jahr zum dritten Mal tätig, wenn auch in einer bescheidenen Rolle: «Frau Doktor Buholzer moderierte bei uns einen Round Table zum Thema Haarpflege.» Bei der Swiss Re kann der Medienverantwortliche kein einziges Buholzer-Mandat eruieren. Dass der Name der Firma dennoch auf der Kundenliste von Vestalia Vision aufscheint, grenzt an Etikettenschwindel. Womöglich hat einmal eine Mitarbeiterin des Konzerns an einem von Buholzers Seminaren teilgenommen. «Gemäss dieser Logik», sagt der Firmensprecher, «könnte auch jedes Restaurant, in dem jemals ein Swiss-Re-Angestellter gegessen hat, unser Unternehmen als Referenz aufführen.» Beim «Schweizer Fernsehen DRS», wo Buholzer im Rahmen des Gleichstellungsprojekts «Blickwechsel» ein Mandat innehatte, erlitt sie Schiffbruch. Das Mandat wurde vorzeitig beendet, denn «der Kurs stiess mehrheitlich auf ein negatives Echo», heisst es in der Hauszeitung «Live». Der Misserfolg hat den Personalverantwortlichen Wolfgang J. Pfund dazu bewogen, auch «künftig auf die Zusammenarbeit mit Sonja A. Buholzer zu verzichten».

Wenn man Buholzer auf ihre Kundenliste, deren Aussagekraft und Aktualität anspricht, verweigert sie Auskünfte und macht «Geheimhaltung» und «Vertraulichkeit» geltend. So bleiben erhebliche Zweifel, ob sich Buholzer tatsächlich zu den «erfolgreichsten und weltbesten Coachs» zählen kann. Fernsehredaktorinnen, die den Auftritt der Beraterin als Ärgernis empfanden und sie kritisierten, lernten Buholzer von einer andern Seite kennen. Sie habe sich bald schon in aggressive Repliken geflüchtet, heisst es in Leutschenbach. Auch blockte sie eine Diskussion über ihre Lieblingsthesen ab, wonach Erfolgreiche sich nur an den Gewinnern dieser Welt orientieren sollten, dass man zum eigenen Vorteil eine «konsequente Auslese von Menschen» betreibe und Verlierer sowie «selbst ernannte Opfer» besser meide. Im Nachgang zu Buholzers Auftritt führte schliesslich die offenbar satte Honorarforderung fernsehintern zu Debatten.

Seminar im Dolder Grand

Angesichts solcher Referenzen liegt es nahe, an einem von Buholzers Frauenpower-Seminaren teilzunehmen. Bereits der Tagungsort verrät einiges über das Selbstverständnis der Geschäftsfrau. Sie lädt ins «Dolder Grand Hotel» auf den Zürichberg und liefert auch gleich die Begründung: «Für uns ist nur das Beste gut genug.» Bereits der Auftakt des Tages gerät für die rund 120 anwesenden Frauen jedoch zur Enttäuschung. Buholzer straft ihre Leitsätze «Ich bin hundertprozentig pünktlich» und «Ich halte, was ich verspreche» sofort Lügen, indem sie ihren Powertag eine geschlagene halbe Stunde zu spät beginnt und die Schuldigen erst noch im Publikum sucht. Noch ärgerlicher ist, dass sie auch jenes Versprechen nicht einlöst, das sie sogar schriftlich in der Kursausschreibung abgegeben hat: «Jede Teilnehmerin erhält einen persönlichen Coach für die Zeit nach dem Seminar!» Die Frauen im Ballsaal des «Dolder» tauschen sich hoffnungsfroh darüber aus, ob wohl Frau Buholzer selber oder nur ein Mitglied ihres Teams diese Funktion wahrnehmen werde. Die Hoffnungen zerschlagen sich schnell. Es sind keine professionellen Coachs, die Buholzer den Frauen zur Verfügung stellt. Diese Aufgabe müssen die Seminarteilnehmerinnen selber wahrnehmen, indem sie sich wechselseitig als Laienberaterinnen zur Verfügung stehen. Der Schreiberin widerfährt das Pech, dass ihr «persönlicher Coach», eine Geschäftsfrau aus dem Bereich Schönheitspflege, kurz nach dem Mittagessen geht, weil sie den Powertag für nutzlos erachtet. Branchenkenner taxieren das Vorgehen Buholzers als «Lockvogelangebot», «Mogelpackung» und «Veräppelung» der Kursbesucherinnen.

Auch in anderer Beziehung nimmt es Buholzer nicht immer genau. So bezeichnet sie sich gerne als Philosophin. Dabei ist sie Germanistin; Philosophie belegte sie nur im Nebenfach. Diese Unsorgfalt erstaunt umso mehr, als Buholzer «ihr oberstes Ziel» darin sieht, «unserer verwässerten Sprache absolute Verbindlichkeit zu verpassen - jede Aussage gilt». Nichtsdestotrotz behauptet sie während des Seminars wiederholt allerlei abstruse Dinge, zu denen sie heute allerdings nicht mehr stehen will: 98 Prozent der Menschheit sprächen die Verlierersprache, verkündet Buholzer und garantiert den Teilnehmerinnen, dass sie ihr Selbstbewusstsein nach der Veranstaltung um 20 Prozent gesteigert hätten. Auch ist die Rede von einer Gehaltsverdoppelung, die etliche Frauen nach dem Besuch der Powerabende durchgesetzt hätten.

Was Wunder, dass die Teilnehmerinnen zusehends irritiert reagieren. Allerdings haben sie den Mut zum Nachfragen bereits verloren. Die Hohepriesterin der Frauenpower hat sie nämlich entgegen der Behauptung, wonach ihr Seminar selbstbewusst und autonom macht, längst in eine bedauernswerte Gemeinde von 120 Jasagerinnen verwandelt. Die Frauen gleichen jener Schafherde, vor der sie ihre Wohltäterin eben noch gewarnt hat. Buholzers Masche besteht darin, das Publikum unentwegt anzuhalten, sich durch Handaufheben zu zahllosen Absichtserklärungen zu «committen». Etwa dazu, ihre «Grenzen zu sprengen», sich «110-prozentig in das Seminar einzugeben» oder «100-prozentig selbstverantwortlich zu sein». Weil sie sich richtig verhalten und die Hände jedes Mal pfeilschnell in die Luft schiessen, gibt es ein dickes Kompliment: «Sie sind ein wunderbares Publikum.»

"Nicht ganz dicht"

Doch wehe denen, die Buholzers subtiler Regie nicht folgen. Fünf Personen wagen es, sich innerhalb des Seminars keinen Coach zu suchen. Sie tun, was sie selber wollen und damit eigentlich das, was «der beste Coach der Welt» verlangt. Diesen fünf begegnet Buholzer in der Folge mit nur schlecht verhohlenem Ärger. Eine beleidigt sie später gar mit schneidender Stimme: «Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht.» Immerhin genügt Buholzer in dieser Sequenz für einmal den selbst formulierten Ansprüchen: Sie charakterisiert sich im Gespräch mit der Journalistin als Spezialistin auf dem Gebiet des missbräuchlichen Einsatzes von Sprache. Ihre stärksten Momente hat Buholzer an ihren Veranstaltungen, wenn es um den Verkauf ihres Buches «Frauenzeit» geht. So ist es im «Dolder»; aber auch an ihren Powerabenden wähnten sich zahlreiche Teilnehmerinnen an einer PR-Veranstaltung und beanstandeten die Anzahl der Pausen, in denen die Autorin ihr Werk wie eine Marktschreierin propagiert: «Beeilen Sie sich. Dies sind die letzten Exemplare.»

Jocelyne Fatton, Inhaberin der Zürcher Firma Berufsgestaltung, hat sowohl einen Powerabend besucht als auch «Frauenzeit» gelesen. Weder dem Buch noch dem Anlass kann sie Gutes abgewinnen: «Frau Buholzer hat es geschafft, sich als Förderin von Frauenpower zu verkaufen. Bedauerlicherweise verkörpert sie aber gleichzeitig viele negative männliche Verhaltensweisen wie Rivalität, Bluff, Status- und Hierarchiegläubigkeit, Selbstherrlichkeit und den festen Glauben, dass grösser a priori besser ist.»

Evelyne Coën, Besitzerin des Zürcher Beratungsunternehmens Cross-Roads, attestiert Buholzer zwar, sie verstehe es, weiblichen Hoffnungen und Sehnsüchten Nahrung zu geben, indem sie die rasche Umsetzung von «Visionen», «Power» und «Unbescheidenheit» verspreche. Doch statt die Frauen wirklich zu einem eigenständigen Lebensweg zu bewegen, propagiere sie einmal mehr «das zerstörerische Gewinner-Versager-Prinzip der Männerwelt, so dass für die Teilnehmerinnen letztlich alles beim Alten bleibt».

Tatsächlich zeigt sich Buholzer kompromissloser als mancher Mann, wenn es um den eigenen finanziellen Vorteil geht. Ihre Hundesitterin, eine erwachsene Künstlerin, entlöhnte die Mercedes-Fahrerin gemäss eigenen Angaben mit fünf Franken pro Stunde.

Vergleich
Im Rahmen eines Vergleichs vor dem Bezirksgericht Horgen zwischen der "Weltwoche" und der Autorin Barbara Lukesch einerseits und Sonja Buholzer anderseits wurde bezüglich dem obenstehenden Artikel folgendes vereinbart:
a) An den Zwischentiteln "Moderation zur Haarpflege" und "Mogelpackung" sowie an folgender Passage im Originalartikel wird nicht mehr festgehalten: "Branchenkenner taxieren das Vorgehen Buholzers als 'Lockvogelangebot'."
b) Die folgenden Passagen werden präzisiert: "Die Aussage, "Sonja A. Buholzer ist eine der erfolgreichsten Managementtrainerinnen der Welt" erfolgte tatsächlich in der NZZ, jedoch nicht im redaktionellen Teil, sondern im Rahmen einer TV-Programmvorschau und wurde nicht von der NZZ formuliert."
"Bezüglich Procter & Gamble moderierte Frau Buholzer gemäss ihren Angaben eine zweieinhalbtägige Marketingveranstaltung unter Beizug von Experten zum Thema Haarpflege."
"Bezüglich Schweizer Fernsehen ging dem Projekt "Blickwechsel" seit 1997 eine Zusammenarbeit von Frau Buholzer mit der gesamten Geschäftsleitung von SF DRS voran."
Zu den Ausführungen betreffend Philosophin wird festgehalten, dass Frau Buholzer tatsächlich den Titel eines Doktors der Philosophie der Universität Zürich trägt. Präzisierend ist anzuführen, dass sie im Rahmen ihres Phil.I-Studiums im Hauptfach Germanistik und im Nebenfach Philosophie studierte.
c) Die Autorin berichtigt ihre Aussagen bezüglich Swiss Re, da sie aufgrund einer erhaltenen Falschinformation dieser Firma jede Zusammenarbeit zwischen Frau Buholzer und Swiss Re zu Unrecht in Abrede gestellt hatte.
Frau Buholzer nimmt ihre Behauptung in der Sendung "Talk täglich" bei Tele 24 vom 14. November 2000 zurück, wonach Frau Lukesch "ein schwarzes Schaf" sei, "sowohl journalistisch wie auch als Frau".
Zürich, im März 2002

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© Barbara Lukesch