Susy Brüschweiler - Gastgeberin der Nation

Offene Türen / 8. März 2001, "Die Weltwoche"

Symbolbild Thema Porträts

Das Büro der Chefin wirkt nüchtern und funktional: Ein grosses Pult, drei Stühle, ein Computer und ein Aktenschrank beherrschen den Raum, der knapp 15 Quadratmeter umfasst. Einzig die fünf Plakate der Fête des Vignérons geben auf diskrete Art Kunde von der Person, die hier Woche für Woche rund sechzig Arbeitsstunden verbringt: Susy Brüschweiler, Tochter einer jurassischen Mutter und nach wie vor stark von Westschweizer Einflüssen geprägt. Dazu ist sie ein ausgesprochen sinnenfreudiger Mensch, trinkt gern ein gutes Glas Wein und bescherte dem von ihr seit sechs Jahren geleiteten SV-Service die Abkehr von der Abstinenz: „Die Einführung des Alkoholausschanks war für etliche Leute ein Kulturschock“, lacht sie und zeigt ihre Zähne mit der markanten Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen. Brüschi, wie ihre Mitarbeitenden sie nennen, wenn sie unter sich sind, ist 54 Jahre alt, Chief Executive Officer (CEO) des Branchenleaders im Schweizer Catering-Markt, trägt ein dunkelgrünes, sehr damenhaftes Samtkostüm mit einer sorgfältig bestickten cremefarbenen Bluse und wirkt trotzdem so jugendlich, entspannt und gutgelaunt wie wohl wenige Männer oder Frauen in einer vergleichbaren Funktion.

Dabei hat sie an diesem Montagmorgen bereits zweieinhalb Stunden Autobahnfahrt hinter sich, weil sie ihre Wochenenden an ihrem Wohnsitz Blonay in der Westschweiz verbringt. Doch Autofahren ist für sie keine Last, sondern echte Leidenschaft, die sie sich auch als Konzernchefin eines ausdrücklich ökologisch orientierten Unternehmens nie nehmen liesse. Sie liebt das Tempo, aber auch die Ungestörtheit am Steuer ihres BMWs, die es ihr erlaubt, ihre bevorstehende Woche am Zürcher Hauptsitz gedanklich vorwegzunehmen. An diesem Morgen hat sie jedoch Radio gehört, um die Kommentare zu den eidgenössischen Abstimmungen zu verfolgen. Das deutliche Nein zur Europa-Initiative stimmt sie nachdenklich: „Isolation halte ich nicht für einen wünschenswerten und erfolgversprechenden Zustand.“

"Ueli, wo brennt's?

Getreu dieser Überzeugung hat sie im SV-Service mit ihrem Stellenantritt das Prinzip der „offenen Türen“ eingeführt. In ihrem Büro herrscht ein stetiges Kommen und Gehen – die Assistentin holt etwas aus dem Aktenschrank, die Sekretärin legt ihr einige Briefe zum Unterschreiben vor, dann steht der Finanzchef im Türrahmen und will etwas zum aktuellen Stand des Budgets wissen. Brüschweiler lehnt sich weit in ihrem Stuhl zurück und fährt sich beherzt, aber nicht besonders ladylike mit den Fingern durchs dichte braune Haar und fragt: „Ueli, lange nicht gesehen. Wo brennt’s?“

Diese Offenheit zeichnete den SV-Service nicht immer aus. Als Brüschweiler 1995 ihren Job übernahm, traf sie auf eine straff strukturierte Organisation, in der sich alle hinter verschlossenen Türen abschotteten, niemand lachte oder laut redete und in der sich die Mitarbeitenden, die über den Flur gehen mussten, hinter ihren Aktenmappen versteckten und nur ein verklemmtes „Grüezi“ murmelten. Als „echten Hammer“ empfand sie die damalige Rezeption, die sich hinter einer Mauer mit einem kleinen Fenster verbarg und Besuchende zwang, „wie beim Steueramt“ zu läuten, um überhaupt eintreten zu dürfen: „Und das innerhalb der Gastronomie“, sagt sie. Heute präsentiert sich der SV-Service, der inzwischen unter dem Dach der SV-Group angesiedelt ist, mit einem gläsernen Entree, das einladend wirkt und den Blick auf die angrenzenden Büroräume freigibt.

Aus dem einstigen Verein, in dem sich dienstbare Frauen für eine soziale Sache engagierten und nicht im Traum daran dachten, einen finanziellen Gewinn zu erzielen, ist 1999 eine Aktiengesellschaft, mithin ein profitorientiertes Unternehmen geworden, das den Markt aktiv bearbeiten und die roten Zahlen, die es seit zwei Jahren schreibt, wieder in schwarze verwandeln muss. Dieser Prozess kostet alle Beteiligten Nerven, Stressresistenz und Stehvermögen. Die verschärfte Konkurrenz und das ständig wachsende Kostenbewusstsein der Kundschaft liess der SV-Group keine andere Wahl, als seine Strukturen zu modernisieren, die Anzahl Lieferanten von 1200 auf 300 zu reduzieren, sein Engagement in Österreich und Deutschland zu forcieren und neue Marktsegmente zu erschliessen. Dieser Umwandlungsprozess, sagt Brüschweiler, „musste gegen massive Widerstände durchgesetzt werden.“ Das sei harte Arbeit gewesen und habe leider auch die Entlassung einiger altgedienter Mitarbeiter notwendig gemacht, die sich den neuen Anforderungen nicht gewachsen zeigten.

Unerschütterliche Ruhe

Brüschweiler muss gleichwohl die richtige Person gewesen sein, die diesen undankbaren Job in den letzten zweieinhalb Jahren glimpflich über die Runden gebracht hat. Ihre unerschütterliche Ruhe ist firmenintern schon fast sprichwörtlich und lässt Finanzchef Ulrich Liechti bei allem Respekt vor dieser Qualität manchmal „schier verzweifeln“. Solange sie von Mitarbeitenden umgeben sei, die die von ihr gesetzten Termine einhalten und über eine schnelle Auffassungsgabe verfügen, konstatiert sie nüchtern, reagiere sie selbst auf grossen Arbeitsanfall gelassen. Wer das von ihr angeschlagene Tempo allerdings nicht erträgt, muss mitunter mit deutlichen Zeichen der Ungeduld rechnen. Dann kann sie ihr Gesicht mit den weichen, rosigen Wangen in Falten legen und ihre grossen, braunen Augen ungnädig rollen. In solchen Momenten werden ihre Gesten, die immer lebhaft sind, fast schon hektisch. Doch das sei, Gott sei Dank, selten der Fall.

Zum Mittagessen lädt sie in das vom SV-Service betriebene Direktionsrestaurant der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse. Dort wird sie bereits erwartet und herzlich empfangen. Auch sie begrüsst ihre Angestellten voller Freundlichkeit, erkundigt sich nach dem Geschäftsgang und lässt sich dann in einem Separée die feine Mahlzeit sowie ein, zwei Gläser Wein munden. Brüschweiler ist bekannt für ihre Liebe zu gutem Essen: „Das sieht man mir doch an“, kokettiert sie burschikos mit den paar Pfunden Übergewicht, die sie auf die Waage bringt. Je länger sich die Mahlzeit hinzieht, um so rosiger werden ihre Backen. Erst beim Dessert, einer üppigen Kirschcreme, macht sie auf halbem Weg Halt und schiebt das Glas entschlossen zur Seite: „Wau, bin ich satt.“ Sie macht dem Personal ein grosses Kompliment. Ein Blick auf die Uhr: Schon nach 14 Uhr. Obwohl sie bereits um 15 Uhr den nächsten Termin mit einem externen Berater hat, lässt sie es sich nicht nehmen, voller Stolz die Räumlichkeiten des Personalrestaurants im fünften Stock mit beeindruckendem Ausblick auf die ganze Bahnhofstrasse zu präsentieren.

Nach der Rückkehr ins Büro gerät sie kurzfristig ins Rotieren. Auch wenn sie ihren Ärger zu kontrollieren sucht, regt sie die unerklärliche Abwesenheit ihrer beiden engsten Mitarbeiterinnen sichtlich auf. Um 15 Uhr hat sie sich wieder im Griff und informiert den pünktlich erschienenen Unternehmensberater, der ein neues Lohnsystem mit Boni-Anteilen einführen soll, konzentriert und zügig.

500 Millionen Umsatz

Susy Brüschweiler steht einem Konzern mit mehr als 6000 Angestellten vor, der in der Schweiz, Deutschland und Österreich tätig ist. Das verzweigte Unternehmen betreibt mittlerweile über 500 Personal- und Messerestaurants, Schulmensen und Spitalkantinen. Im vergangenen Jahr wurde ein Umsatz von knapp 500 Millionen Franken erzielt. Der SV-Service ist der grösste hiesige Gemeinschaftsverpfleger. Er hält im Bereich Business Catering einen Marktanteil von fünfzig Prozent und ist europaweit der Betrieb mit dem höchsten Anteil weiblicher Angestellten. Mit anderen Worten: Diese Frau ist eine Topmanagerin, eine jener raren weiblichen Exemplare also, die es bis an die Spitze eines Konzerns geschafft hat.

Trotz aller Superlative ist die Firmenchefin in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Ihr Name hat längst nicht den Klang der Migros-Frau Gisèle Girgis, der Ford-Managerin Barbara Kux oder der ehemaligen Schneider-Chefin Heliane Canepa. Auch innerhalb des Zürcher Rotary-Clubs, dem sie seit kurzem neben zwei anderen Frauen angehört, dachte die alte Garde beim Namen „Brüschweiler“ zunächst an ihren verstorbenen Vater, der Chef bei der NCR war, während jüngere Mitglieder ihren Bruder, einen Zürcher Architekten, vor Augen hatten. Sie räumt anstandslos ein, dass ihr geringer Bekanntheitsgrad auch Ausdruck einer gewissen Geringschätzung ist: „Sowohl unsere Branche wie unser Unternehmen sind unterbewertet.“ Darüber hinaus wirke sie selber möglicherweise zu wenig seriös: „Vielleicht lache ich zuviel und erwecke damit den Eindruck, meinen Job nicht ernsthaft genug zu betreiben.“

Bei aller Flapsigkeit beschäftigt sie dieses Thema stark: „Ich frage mich immer wieder, wie wir unsere Marketing-Leistung verbessern könnten.“ Eine Image-Korrektur täte dieser Firma, der immer noch der Ruf des hausbackenen, betulichen Frauenvereins vorauseilt, tatsächlich gut. Der Name „Schweizer Volksdienst“, der auf die Gründung im Kriegsjahr 1914 und die ursprüngliche Bestimmung als Hilfsdienst für die Soldaten an der Grenze zurückgeht, trägt seinen Teil zum verstaubten Bild bei. Auch Brüschweiler empfindet ihn als antiquiert und pocht darauf, dass man sich strikt auf das Kürzel SV-Service beschränkt: „Es weiss dochauch nicht jeder, was IBM in voller Länge heisst.“

2001 will sie auf keinen Fall irgendwelche grossen Veränderungen im$Haus. 2001 ist das Jahr der$Konsolidierung, in dem es darum geht, die Übernahme der „Culinarium AG“ von der UBS zu verdauen, den Bereich Spital- und Heimrestaurants in der Schweiz zu entwickeln - und endlich schwarze Zahlen zu schreiben. Der letztjährige Verlust von knapp vier Millionen Franken lasse sich zwar mit dem Kauf der „Culi“ und den Kosten für ein mehrjähriges Projekt zur Optimierung der Betriebsabläufe erklären: „Doch damit muss es 2001 ein Ende haben“, sagt sie lachend, „sonst sind meine Tage im SV-Service gezählt.“ Um 17 Uhr hat sie einen Termin, der Angenehmeres verheisst. Sie geht zur Massage. Voller Vorfreude reibt sie sich die Hände und drückt verschmitzt ein Auge zu: „Très bien. Diese Stunde wird mich entspannen und fit machen für den Rest meines Arbeistags im Büro.“

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© Barbara Lukesch